Mittwoch, 30. Mai 2012

Eine Tetralogie der Freiheit

1 Was ist Freiheit?
2 Freiheit und Wunder - das allzu lang verschüttete Weltbild der Wissenschaften
3 Wozu ist Wissen gut (Gesetzes- und Wertewissen)
4 Die Flucht aus der Freiheit

I Freiheit und Wunder – das allzu lange verschüttete Weltbild der Wissenschaften

Teil I: Vierhundert Jahre Dogma und Selbstverleugnung

Seit dem 17. Jahrhundert scheint sich Wissenschaft kein anderes Ziel zu setzen als das der Entzauberung und Enträtselung. In hartem Kampf gegen die Kirche hat sie das Wunder mit dem Stahlbesen aus der Natur getrieben. „Es geht alles mit ganz natürlichen Dingen zu“ – das ist der Slogan, der uns in den Ohren dröhnt. Die Natur wurde sterilisiert, das Geheimnis sollte und durfte in ihr keinen Platz einnehmen. An dieser Entzauberung hat sich die Philosophie machtvoll beteiligt. So heißt es etwa bei Leibniz (1646 - 1716): „dass alles durch ein festgestelltes Verhängnis herfürgebracht werde ist ebenso gewiss, als drei mal drei neun ist. Denn das Verhängnis besteht darin, dass alles aneinander hänget wie eine Kette, und ebenso ohnfehlbar geschehen wird, ehe es geschehen, als ohnfehlbar es geschehen ist, wenn es geschehen... so gar, dass wenn einer eine genugsame Insicht in die inneren Teile der Dinge haben könnte, und dabei Gedächtnis und Verstand genug hätte, um alle Umstände vorzunehmen und in Rechnung zu bringen, würde er ein Prophet sein, und in dem Gegenwärtigen das Zukünftige sehen, gleichsam als in einem Spiegel“.

Von Leibniz bis zu Russell und Einstein

Mit anderen Worten, die Natur ist im Prinzip – „wenn nur einer Gedächtnis und Verstand genug hätte“ - eine durch und durch berechenbare Maschine, ein Uhrwerk, wo alles nach unverbrüchlichen, ewigen Gesetzen geschieht. Drei Jahrhunderte später finden wir bei einem Denker von vergleichbarer Statur, bei dem großen Mathematiker und Philosophen Bertrand Russell (1872 - 1970), denselben Gedanken nur in eine etwas modernere Form gegossen: „Man geht davon aus, dass die Materie aus Elektronen und Protonen besteht, die von endlicher Größe sind und von denen es nur eine endliche Zahl in der Welt gibt... Die Gesetze dieser Änderungen lassen sich anscheinend in einer kleinen Zahl sehr allgemeiner Prinzipien zusammenfassen, welche die Vergangenheit und Zukunft der Welt determinieren, sobald irgendein kleiner Ausschnitt des Weltgeschehens bekannt ist“. Kein Geringerer als Albert Einstein hat diese Überzeugung auf die kürzeste jemals für die Welt als Uhrwerk gefundene Formel gebracht. Einsteins Diktum lautet in aller Knappheit: „Gott würfelt nicht“. Mit anderen Worten: Gott hat eine Maschine erfunden, die nach Gesetzen funktioniert und wo Freiheit – der Würfel – keinen Platz haben kann.

Einstein hat sich darin als begeisterter Schüler des Philosophen Baruch Spinoza (1632 - 1677) erwiesen - auch für diesen hat es in der gesamten Natur nicht den Funken von Freiheit gegeben. Wenn wir von Zufall sprächen, würden wir damit allein die Tatsache ausdrücken, dass wir bestehende Notwendigkeiten noch nicht als solche durchschauen. „Nachdem ich hier sonnenklar gezeigt habe, dass es ganz und gar nichts in den Dingen gibt, weswegen sie zufällig heißen dürften, will ich jetzt mit ein paar Wörtern auseinandersetzen, was wir unter zufällig zu verstehen haben... /zufällig/ heißt ein Ding... allein im Hinblick auf einen Mangel unserer Erkenntnis und sonst aus keiner anderen Ursache.“

Freiheit und Wunder? Wo sind diese im heutigen Weltbild der Wissenschaften zu finden? Haben diese nicht alles, was daran erinnern könnte, mit herrischer Vernunft aus der Natur hinausgetrieben? Ist die Natur unter ihrem analytischen Griff nicht zu einem toten Gehäuse geworden, entleert von allem Geheimnis und letztlich vom Leben, weil Natur nicht mehr als bloße Mechanik sei - von Physikern, Biogenetikern, Chemikern usw. restlos in ihre abstrakten Grundelemente zerlegt?

Die kurzlebige Erschütterung durch die Quantenphysik

Vor einem Jahrhundert sah es zeitweilig anders aus. Die in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts zu plötzlicher Prominenz aufgerückte Quantenphysik schien dem Ehrgeiz der totalen Enträtselung Einhalt zu gebieten. Der Nobelpreisträger Werner Heisenberg (1901 - 1976) wies das bis dahin geltende Grundprinzip der klassischen Physik zurück, wonach man jeder bestimmten Wirkung auch eine ganz bestimmte Ursache zurechnen könne. Eine Wirkung wie der Zerfall eines bestimmten Atoms besaß nur noch eine numerisch präzisierbare Tendenz auf bestimmte Anfangsbedingungen zu folgen. Heisenberg drückt das auf folgende Weise aus. „Zum Beispiel kann ein Radiumatom ein Alpha-Teilchen aussenden. Wenn die Aussendung des Alpha-Teilchens beobachtet wird, so fragen die Physiker ...nicht mehr nach einem vorausgehenden Vorgang... Logisch wäre es durchaus möglich, nach einem solchen... Vorgang zu suchen... Warum hat sich nun die wissenschaftliche Methode... in dieser sehr grundlegenden Frage geändert? ... Wenn wir den Grund dafür wissen wollen, warum das Alpha-Teilchen eben in diesem Augenblick emittiert wurde, so müssten wir dazu den mikroskopischen Zustand der ganzen Welt, zu der auch wir selbst gehören, kennen, und das ist sicher unmöglich.“

Selbst in der Quantenphysik braucht Gott nicht zu würfeln

Man beachte, der Determinismus – die mechanistische Sicht auf Mensch und Natur – ist auch bei Heisenberg keineswegs aufgegeben. Er weicht nur einer vorsichtigeren Formulierung. Wir können den mikroskopischen Zustand der ganzen Welt unmöglich kennen. Nur weil uns solche Allwissenheit für immer versagt bleibt, werden wir die Mechanik des uns umgebenden Geschehens nie ganz entschlüsseln können. Würden wir jedoch nach Art einer unendlichen Intelligenz den gesamten Zustand der Welt vor Augen haben, dann dürften wir immer noch mit Einstein behaupten, dass Gott auch im Allerkleinsten nicht würfelt. Denn Gott würde wissen, warum ein bestimmtes Atom gerade jetzt zerfällt. Aus Heisenbergs philosophischen Bemerkungen zur Quantenphysik lässt sich keineswegs folgern, dass die moderne Physik der Natur die verlorene Freiheit zurückgegeben hätte. Eine derartige Rolle haben ihr nur Enthusiasten angedichtet, zu denen etwa Fritjof Capra gehört. Er und andere Vertreter des New Age schwärmten vom „Tao der Physik“: einem Weltbild der Freiheit, das sie aus der Quantenphysik ableiten wollten. Von solchen Bemühungen ist inzwischen kaum mehr die Rede. Obwohl die praktische Bedeutung der Quantenphysik in den vergangenen Jahrzehnten mit jedem Tag größer wurde, ist es um ihre vermeintlich revolutionären Auswirkungen auf unsere Weltsicht recht still geworden. Die Quantenphysik hat die Welt nur noch weiter enträtselt – das Geheimnis hat sie ihr nicht zurückgegeben.

Bleibt wenigstens der Mensch ein Refugium der Freiheit?

Nun, das war ein rasender Höhenflug über vierhundert Jahre Geschichte der wissenschaftlichen Natursicht. Wer aus solcher Entfernung nach unten schaut, sieht nichts mehr von Hügeln und Tälern. Die aber waren natürlich immer vorhanden. Deutsche Romantik und philosophischer Idealismus, Vitalismus und nicht zuletzt der Existenzialismus haben gegen das später so genannte „mechanistische Weltbild“ mit aller Kraft protestiert. Sie haben es hinterfragt, zu widerlegen oder mindestens zu relativieren versucht. Es bleibt aber die Frage, was von ihren Bemühungen übrig blieb? Zusammenfassend muss man wohl sagen: So gut wie nichts, wenn man ihren Protest im Hinblick auf seine Nachhaltigkeit bewertet. Nach wie vor gehen die Naturwissenschaften davon aus, dass die Welt eine Maschine sei, die sie in ständig fortschreitendem Maße enträtseln. Ihr Erfolg, so wie er sich in der siegreichen wissenschaftlich-technischen Zivilisation unserer Zeit manifestiert, scheint ihnen Recht zu geben.

Muss der Leser nicht umso mehr über den seltsamen Titel erstaunen? Freiheit und Wunder? Ja, wo findet man diese im Weltbild der Wissenschaften?

Und die Wissenschaften des Geistes? Bieten sie der Freiheit eine Zuflucht?

Die Geisteswissenschaften haben es mit dem Menschen zu tun; Physik - Chemie, Astronomie, Atomphysik usw. dagegen ausschließlich mit der nicht-menschlichen Natur. Die empirischen Naturwissenschaften haben die Freiheit aus der Welt als Uhrwerk eskamotiert, aber läuft das zwangsläufig darauf hinaus, dass sie nun auch im Menschen keinen Platz mehr findet? Ist es den Wissenschaften vom Menschen gelungen, das tote Uhrwerk der Natur wieder mit Leben und Freiheit zu erfüllen?

In der frühesten Form seiner Wissenschaft von Mensch und Natur - zu der wir die verschiedenen Spielarten der Religion rechnen können - hat der Mensch vorzugsweise sich selbst eine Stellung an der Spitze der Schöpfung vorbehalten. Er hat sich über die Natur gestellt, wollte mehr und etwas Höheres sein als diese. Warum sollte er nicht Geheimnis, Spontaneität und Kreativität – die Attribute der Freiheit - für sich selbst reservieren, während er die Dinge der ihn umgebenden Natur dem Zwang der Gesetze ausliefert?

Die Antwort Voltaires

Auf diese Frage hat der brillante Spötter Voltaire (1794 - 1878) eine für die Folgezeit autoritative Antwort gegeben: „Es wäre schon recht erstaunlich“, schrieb der französische Aufklärer, „wenn alle Sterne ewiger Gesetzhaftigkeit unterliegen, während nur ein unscheinbares Tier von fünf Fuß Größe sich nach Belieben ihnen widersetzen darf, gerade wie seine Launen es ihm gebieten. Dann würde es dem Zufall gehorchen, aber man weiß, dass der Zufall ein Nichts ist. Dieses Wort haben wir erfunden, um die bekannte Wirkung für eine nicht bekannte Ursache zu bezeichnen.“ In diesem Diktum spiegelt Voltaire die Auffassung der Wissenschaften, wonach die Natur eine Einheit sei. Wäre es nicht unsinnig, sie in zwei Hälften zu zerlegen, so als würden die Gesetze der einen Hälfte nicht für die andere gelten? Das entspräche einem vorwissenschaftlichen Weltbild. Bertrand Russell, der sich auch hier auf den in der Wissenschaft vorherrschenden Standpunkt stellt, bleibt zwei Jahrhunderte später ganz auf der Linie des großen Franzosen. „Wir wissen nicht, auf welche Weise sie /die Einzeller/ sich am Anfang entwickelten, aber ihre Entstehung ist nicht geheimnisvoller als die der Heliumatome. Es gibt keinen Grund für die Vermutung, dass die lebende Materie Gesetzen unterworfen ist die verschieden von denen sind, welchen die nicht-lebende gehorcht. Und es gibt gute Gründe anzunehmen, dass theoretisch alles im Verhalten der lebenden Wesen in den Begriffen der Physik und der Chemie erklärt werden kann.“

Bei Heidegger wird die Natur in zwei Hälften zerrissen

Ungefähr zu derselben Zeit, als Russell dieses Statement abgab, hat ein existenzialistischer Denker, Martin Heidegger, das darin formulierte Weltbild gewaltsam durchbrochen. Er tat dies allerdings nicht wie der englische Philosoph in der Tradition rationalen Denkens, sondern indem er sich von diesem losriss und einfach einen Ukas erließ. Der Mensch sollte frei sein. Dem Verdikt der Wissenschaften stellt der deutsche Prophet sein Credo entgegen. Der Mensch entwerfe sich selber, kraft seiner Freiheit löse er sich aus den Zwängen der Natur, er überwinde sie durch seine Selbstbestimmung. Wohlgemerkt, nur der Mensch. Die Natur bleibt von dieser dekretierten Befreiung ausgenommen. Auch bei Heidegger bleibt sie, was sie für die Wissenschaft ist: ein sinnloses, mechanisches, im Prinzip nach Belieben manipulierbares Gegenüber. Heideggers Welt ist gespalten in eine unfreie Natur, die den Gesetzen verfallen ist, und einen freien Menschen, der sich in diese sinnlose Gesetzesmaschinerie geworfen findet. So geraten wir unversehens in ein vorwissenschaftliches Weltbild zurück. Während die Naturwissenschaften die Welt als unteilbares Ganzes sehen – ihre Gesetze gelten gleichermaßen für Steine, Wolken und lebende Wesen -, reißt Heidegger sie mit Gewalt auseinander. Hier die toten Dinge der Welt als Maschine und Uhrwerk, dort der heillos einsame Mensch, der als einziger die Freiheit zur Selbstbestimmung besitzt.

Der künstliche Zauber der Esoteriker

Heideggers Ukas war – sieht man von der New-Age-Bewegung einmal ab - der bisher letzte Ausbruchsversuch aus dem „mechanistischen Weltbild“. Die Naturwissenschaften selbst haben davon so wenig Notiz genommen wie von der machtvollen Esoterikwelle, die seit Jahrzehnten rund um den Globus schwappt. Welch ein schroffer Gegensatz! Während überall auf der Welt Mathematiker, Ingenieure, Atomphysiker und Astronomen mit Formeln hantieren, um die Natur auf ein verlässliches Regelmaß zu reduzieren, besiedeln Esoteriker in heftiger Geschäftigkeit die kahle Maschinerie eines entzauberten Alls mit selbsterschaffenen Geistern, Gespenstern, Feen, Sandmännern und Dämonen. Dazu bedienen sie sich aller Versatzstücke, die sie aus dem kulturellen Nachlass sämtlicher Weltkulturen von der Edda bis zum tibetanischen Totenbuch schöpfen. Eine durch und durch paradoxe Situation: Während die einen unablässig entzaubern, sind die anderen mit künstlicher Verzauberung beschäftigt. Verzweifelt und mit zweifelhaften Mitteln bemühen sie sich, einer unter den Händen der Wissenschaftler zum mechanischen Spielzeug erstarrten Welt Leben und Atem einzuhauchen.

Teil II. Die Wissenschaften selbst beschwören Freiheit und Wunder

Wissenschaftler pflegen darüber den Kopf zu schütteln. Sie hören auf Beweise, aber sie ignorieren bloße Behauptungen. Und darin haben sie zweifellos Recht: Ihr ganzer inzwischen vierhundertjähriger Erfolg beruht auf dieser Methode. Sämtliche Errungenschaften der modernen Technik, angefangen von der Dampfmaschine bis zum Computer setzen die sorgfältige Beobachtung der Natur voraus. Sie beruhen auf der Erkundung ihrer verborgenen Ordnung: auf Beweisen für geltende Gesetze und der Zurückweisung bloßer Behauptungen. Wer Natur und Mensch anders sieht als die Wissenschaft, muss dafür unwiderlegbare Gründe vorbringen. Andernfalls wird er im günstigsten Fall ignoriert, schlimmstenfalls rechnet man ihn voller Hohn dem Lager der Phantasten und Spinner zu, die uns die Wirklichkeit nicht erklären, sondern sie stattdessen mit ihren zerebralen Ausgeburten bevölkern. Beweis und bloße Behauptung sind für den Wissenschaftler nicht weniger weit voneinander entfernt als das moderne Zeitalter der Wissenschaften von der Vergangenheit einer Jahrtausende lang bloß fabulierenden Menschheit.

Der Irrtum der Wissenschaften

Und wie ist es nun mit dem Titel dieses Essays? Die vorangehenden Zeilen mag der Leser als Einleitung betrachten, um ihn auf das Nachfolgende vorzubereiten. Ja, die Wissenschaften wollten vier Jahrhunderte lang das Leben auf Physik und Chemie reduzieren, die Freiheit aus der Natur vertreiben. Ihre philosophischen Wortführer von Spinoza über Leibniz bis hin zu Bertrand Russell glaubten, die Natur entzaubert, sie zur bloßen Maschine gemacht zu haben. Doch sie haben sich auf eine merkwürdige, in der Geistesgeschichte wohl einzigartige Weise geirrt. In Wahrheit ist Natur unter ihren Händen zum großen Geheimnis geworden! Ohne es selbst zu bemerken - ja, sich absichtlich gegen diese Einsicht sträubend - zeigen sie uns eine Natur, die ohne Freiheit prinzipiell nicht einmal denkbar ist. Und diese Befreiung der Natur führen die empirischen Wissenschaften nicht etwa beiläufig oder auf eine Weise herbei, über die man sich streiten könnte, sondern aufgrund ihres alltäglichen Vorgehens, nämlich durch die Methode des wissenschaftlichen Experiments selbst. Mit dieser Methode zeigen sie logisch zwingend, dass Gesetzhaftigkeit für sie nur eine Dimension des Wirklichen bildet, Freiheit aber dessen zweite fundamentale Kategorie - und zwar nicht allein die Freiheit des Menschen, sondern die der gesamten Natur. Damit widersprechen sie – wenn auch bisher immer noch, ohne sich dessen bewusst zu sein - einer vierhundertjährigen Verleugnung der Freiheit.

Kein Experiment ohne die Voraussetzung der Freiheit

Die Wissenschaften der Natur zeigen Regelmäßigkeiten des uns umgehenden Geschehens auf. Diese beschreiben sie als Gesetze. So stellen sie etwa fest, dass Wasser unter normalen atmosphärischen Bedingungen stets bei hundert Grad Celsius aus dem flüssigen in den gasförmigen Zustand übergeht, oder sie beschreiben mit mathematischer Exaktheit die parabelartige Flugbahn einer abgeschossenen Kanonenkugel. Über ihre gesamte Dauer lassen sich derartige Geschehnisse gesetzmäßig beschreiben: weil ihr Verlauf unter gleichen Bedingungen in seinen einzelnen Stadien immer dieselbe Entwicklung zeigt. Die fortschreitende Erkundung derartiger gesetzhafter Gleichförmigkeiten hat Wissenschaft und Philosophie zu den vorher zitierten deterministischen Schlussfolgerungen geführt und dem sich daraus ergebenden Weltbild.

Doch das ist nicht alles. Die Wissenschaft musste zur gleichen Zeit darauf bestehen – denn allein dadurch verbürgte sie die Wahrheit dieser Gesetze - dass die entsprechenden Geschehnisse jederzeit im Experiment überprüfbar seien. Mit anderen Worten, die empirische Wissenschaft behauptete nicht nur die Existenz gesetzhafter Abläufe, sondern sie musste zur gleichen Zeit darauf bestehen, dass diese Abläufe an beliebigen Orten zu beliebiger Zeit wiederholbar seien.

Mit diesem zweiten Teil ihrer Aussage über die Wirklichkeit stellt die Naturwissenschaft eine Bedingung auf, die der Notwendigkeit radikal widerspricht. Während die Kugel, einmal abgeschossen, sklavisch der Parabel und der von ihr beschriebenen Notwendigkeit folgt, gibt es für den Abschuss selbst, d.h. für den Beginn, keine Formel, keine Notwendigkeit, kein Gesetz – all dies kann es nicht geben, denn dieser Abschuss soll ja - so das Postulat der Wissenschaft - der Möglichkeit nach überall und zu jeder Zeit möglich sein.

Der gesetzhafte Verlauf – die genau festgelegte Bahn einer abgeschossenen Kugel – und der willkürliche Beginn dieses Ereignisses, gehören aber zwei grundsätzlich unterschiedenen Dimensionen des Wirklichen an. Nur weil der Anfang des Verlaufes in völliger Freiheit erfolgt, besteht überhaupt erst die Möglichkeit, dass die Wissenschaft Gesetze durch das Experiment zu beweisen (bzw. durch dessen Misslingen zu falsifizieren) vermag. Würde - wie Philosophen und Wissenschaftler von Spinoza über Leibniz bis zu Bertrand Russell unisono behauptet haben - alles Geschehen ausschließlich der Notwendigkeit gehorchen, so ließe sich keines der von ihr gefundenen Gesetze durch das Experiment beweisen, denn jedes regelmäßige Geschehen - wie etwa der Abschuss einer Kugel - wäre ja seinerseits das notwendige und damit gesetzmäßige Ergebnis eines vorangehenden Geschehens. So wie wir die Flugbahn der Kugel mathematisch genau beschreiben, müsste es auch Gesetze geben, die genau vorauszusagen erlauben, warum eine bestimmte Person X an einem bestimmten Ort Y zur bestimmten Zeit Z eine Kanonenkugel abfeuert. Das aber wäre das Ende für das Selbstverständnis der empirischen Wissenschaften. Denn für diese ist ja – um es noch einmal zu sagen - gerade die Behauptung konstitutiv, wonach jedermann zu jeder Zeit das Experiment willkürlich auslösen kann.

Notwendigkeit und Freiheit gehören zwangsläufig zueinander

Damit leugnet die Wissenschaft in ihrem praktischen Vorgehen, was sie theoretisch als Dogma verficht: Sie leugnet mit aller Entschiedenheit und prinzipiell eine durchgängige Gesetzhaftigkeit der Natur. Und diese Leugnung vollzieht sie nicht etwa auf der oberflächlichen Ebene des Experiments, dessen Ergebnisse durch einen späteren Versuch immer noch annulliert (falsifiziert) werden könnten, sondern auf einer weit tieferen und in der Tat fundamentalen Ebene, nämlich in den Voraussetzungen ihrer experimentellen Methode.

Die Wissenschaften von der Natur setzen Freiheit aber nicht allein für den Menschen voraus, der als Experimentator jederzeit aufgrund seines Wollens eine neue Kette gesetzmäßiger oder zufälliger Ereignisse lostreten kann. Sie befreien nicht nur den Menschen, sondern zwangsläufig auch die Natur. Die von Spinoza bis Heisenberg geltende Auffassung, wonach alle Geschehnisse eine Kette von Zeitpunkten bilden, wo jeweils der spätere Punkt mit Notwendigkeit auf den jeweils früheren folgt (auch wenn das nur eine vollkommene Intelligenz zu erkennen vermag), wird durch die genannte Voraussetzung ad absurdum geführt. Der Mensch würde in diese Kette nicht nach Belieben eingreifen können, wenn es nicht überall Punkte gäbe, die zwar zeitlich aufeinander folgen, aber ohne Notwendigkeit - eine andere Abfolge ist jederzeit möglich.

Um es in einem Bild auszudrücken: Das Gewebe jener Notwendigkeiten, die wir als Gesetze beschreiben, ist mit Lücken übersät und durchdrungen, in die der Mensch nach Gutdünken eingreifen kann. Nur deswegen kann er seine Umwelt nach eigenen Vorstellungen auf tausenderlei Weise gestalten. Er muss sich nach den Vorgaben bestehender Gesetze richten, aber auf unendliche Art kann er diese für seine Zwecke benutzen.

Das Motiv hinter der Leugnung der Freiheit

Die Naturwissenschaften (und die Philosophen in ihrem Gefolge) haben die Freiheit dogmatisch geleugnet. Warum sie dies taten, lässt sich unschwer begreifen. Um Natur zu erklären, setzen sie die Existenz von Gesetzen voraus, um Natur restlos zu erklären, darf es in ihr ausschließlich Gesetze geben - die Anerkennung von Freiheit hätte der Erklärung von vornherein unüberwindbare Grenzen gesetzt. In diesem Sinne war die Verbannung der Freiheit aus der Natur nichts anderes als ein Machtspruch der siegreichen Wissenschaften: Seit dem 17. Jahrhundert melden diese den Anspruch auf totale Erklärung und Enträtselung an. Sie mussten daher darauf dringen, dass kein Phänomen der Natur sich der Gesetzhaftigkeit entziehe. Schon David Hume, der große englische Skeptiker, hatte Bedenken angemeldet. Wenn ein Ereignis auf ein anderes folge, könnten wir, streng genommen, nie von einer Notwendigkeit sprechen, da wir immer nur eine endliche Zahl von Vorfällen kennen. Karl Popper verwies das Kausalitätsprinzip überhaupt in das Reich der Metaphysik, also des prinzipiell Unbeweisbaren.

Auch die Skeptiker haben den entscheidenden Schritt nicht vollzogen

Doch beide Denker haben sich mit ihrer Kritik nicht weit genug vorgewagt. Denn die Annahme einer durchgängigen Gesetzhaftigkeit der Natur ist nicht etwa nur unbeweisbar, weil der Mensch eben nie so allwissend sein wird wie der Dämon von Laplace oder gar Heisenberg, der nicht darauf hoffen darf, jemals den mikroskopischen Zustand der Welt zu kennen. Die Annahme ist weit mehr als nur unbeweisbar: Sie ist einfach falsch, weil sie das logische Fundament der Naturwissenschaften zerstört. Man kann nicht von der beliebigen – also durch keine Gesetzmäßigkeit bedingten - Wiederholbarkeit gesetzhafter Geschehen im Experiment ausgehen und zur gleichen Zeit die durchgehende Gesetzhaftigkeit der Natur postulieren. Das eine Mal wird eine Welt der Freiheit, das andere Mal eine Welt der Notwendigkeit postuliert. Wissenschaft ist erst in dem Augenblick widerspruchsfrei, wo sie beide Dimensionen als Voraussetzung ihrer eigenen Methode und Weltsicht anerkennt: die Notwendigkeit undund die Freiheit.

Teil III: Das Wunder und die Lücken im Gewebe der Notwendigkeiten

Meines Wissens begegnen wir dieser Einsicht weder in den Naturwissenschaften noch bei jenen Philosophen, die sich um deren Deutung bemühten. Dagegen hat sie ein Dichter in genialer Intuition auf den Punkt gebracht. „Der Mensch…, sagt Friedrich Schiller, „hat… das Vorrecht, in den Ring der Notwendigkeit… durch seinen Willen zu greifen und eine ganz frische Reihe von Erscheinungen in sich selbst anzufangen. Der Akt, durch den er dieses wirkt, heißt… eine Handlung, und diejenigen seiner Verrichtungen, die aus einer solchen Handlung herfließen,… seine Taten.“ Sieht man bei diesem Text davon ab, dass die Freiheit in der Natur zu eng gefasst wird, weil sie sich nur auf den Menschen und sein Handeln bezieht, so spricht Schiller hier eine Wahrheit aus, die dreihundert Jahre lang beflissen unterdrückt worden ist.

Was geschieht bei solchen Eingriffen in den „Ring der Notwendigkeit“? Zum Beispiel stößt dann ein Mensch einen auf der Kippe stehenden Stein mit leichtem Fingerdruck in die Tiefe und löst damit einen gesetzmäßigen Vorgang der Fallbeschleunigung aus. Subjektiv erleben wir das als einen Akt unserer Freiheit, denn es bleibt uns überlassen, ein solches Geschehen willkürlich auszulösen oder auch nicht. Bringt dagegen ein Beben oder ein Windstoß die gleiche Wirkung hervor, so bezeichnen wir das identische Ereignis mit dem abwertenden Begriff des Zufalls. Doch der Unterschied liegt wohl nur darin, dass wir im einen Fall eine Innensicht auf die Freiheit in der Natur besitzen, die uns als eigener Antrieb sinnvoll und selbstverständlich erscheint, während im anderen das Ereignis für uns keinen Sinn ergibt und wir ihm deswegen keinen Sinn zuteilen können.

Die praktische Evidenz der Freiheit

Die empirischen Wissenschaften wollten die Welt entzaubern, in Wahrheit haben sie Zauber und Freiheit als gleichberechtigte Dimension in die Wirklichkeit eingeführt oder, anders gesagt, diese in Wahrheit nie wirklich aus ihr vertrieben. Das geht so weit, dass selbst das Wunder ihren Voraussetzungen keineswegs widerspricht. Die Naturwissenschaften gehen davon aus, dass menschliches Wollen Gesetzmäßigkeiten im Experiment jederzeit abspulen lassen kann - sie lassen diese Gesetzmäßigkeiten also auf einem Sockel von Freiheit ruhen. Durch diese Einbeziehung von Freiheit nehmen sie der Natur den größten Teil ihrer Berechenbarkeit. Unzählige Wesen – und zwar nicht nur Menschen - können jederzeit kraft ihrer Freiheit unzählige gesetzmäßige Vorgänge auslösen (oder auch nicht auslösen) – wie dies ja nicht nur in Tausenden von Laboren überall in der Welt geschieht, sondern mit jedem Akt, den wir täglich verrichten, sei es auch nur, indem wir den Schalter für eine Beleuchtung betätigen. Je nachdem, was diese Wesen tatsächlich tun oder nicht tun, entstehen unbegrenzt viele alternative und freie Ereigniswelten, die dennoch in jedem Fall den gleichen Naturgesetzen gehorchen.

Für eine Neudefinition des Wunders

Wunder wird gewöhnlich als Verletzung von Naturgesetzen verstanden, demgemäß konnte es das Wunder im deterministischen Weltbild nicht geben, weil eben alles dem Gesetz unterlag. Ist dieses Weltbild aufgebrochen, so wird das Wunder neu definiert. Es besteht in der Freiheit, trotz gleicher Naturgesetze unendliche viele alternative Welten hervorzubringen.

Den Eingriff eines überweltlichen Wesens würden wir nicht einmal bemerken

Nehmen wir an, dass auch die Eingriffe eines übermenschlichen Wesens zu diesem Sockel der Freiheit gehören, so könnte die Welt wesentlich durch dessen Eingreifen geformt und bestimmt sein, doch würden wir dies nicht einmal bemerken, weil ja kein uns bekanntes Naturgesetz dadurch verletzt wird. Das übermenschliche Wollen würde sich die Lücken im Gewebe der Notwendigkeiten zunutze machen, die Punkte also, auf welche die Freiheit zugreifen kann.

Mit diesem Abschluss will ich nicht der metaphysischen Spekulation oder gar dem Obskurantismus Vorschub leisten; ich möchte nur zeigen, dass wir diese Möglichkeit in einem Universum, dessen gleichberechtigte Dimension neben der Notwendigkeit die Freiheit ist, nicht grundsätzlich ausschließen dürfen. Das Wunder besteht in der Vielzahl möglicher Welten, die wir alle für ganz normal halten würden. Die Wissenschaft selbst beweist es uns durch das (bisher noch verheimlichte) Postulat der Freiheit: Es muss keineswegs alles mit ganz natürlichen Dingen zugehen!



II Was ist Freiheit?

Alles ist sie für das einzelne Individuum. Jede Einschränkung unserer persönlichen Freiheit empfinden wir als unerträglichen Zwang. Deshalb zählt stets der Freiheitsentzug zu den höchsten von Gesellschaften verhängten Strafen. Umso merkwürdiger muss es erscheinen, dass die Freiheit immer wieder unter den Beschuss der Weltanschauung geriet. Man erklärte sie zur subjektiven Illusion, zur Täuschung einer unaufgeklärten Erkenntnis, zur Falle, in die der Mensch durch oberflächliches Alltagsdenken gerät.

Am weitesten in die Vergangenheit zurück reicht die Aushöhlung des Freiheitsbegriffes durch die Theologie. Hier ergab sie sich aus der Allwissenheit, welche Kirchenfürsten von Augustin bis Luther und Calvin zu einem unverzichtbaren Attribut Gottes erklärten. Allwissenheit besagt, dass IHM die ganz Zukunft der Welt und damit auch aller menschlichen Denk- und Handlungsvorgänge schon immer bekannt sei. Gegen dieses Postulat ließ sich menschliche Freiheit nur retten, wenn man sich mit Tricks und allerlei gewundenen Denkmanövern behalf. Freilich hat sich unsere säkularisierte Zeit aus diesen theologischen Spitzfindigkeiten wenig gemacht und das ganze Problem gleichgültig ad acta gelegt.

Viel radikaler wird die Leugnung der Freiheit in den Naturwissenschaften

Doch die Freude darüber hält sich in Grenzen, denn mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften seit Beginn der europäischen Neuzeit feiert die weltanschauliche Demontage der Freiheit fröhliche Auferstehung. Nun sind es die Wissenschaftler, welche die gesamte Natur enträtseln und erklären wollen. Deshalb erlassen sie seit vierhundert Jahren den Machtspruch, dass alles in der Natur mit natürlichen Dingen zugehe, sprich, gemäß einer universalen und ausnahmslosen Gesetzmäßigkeit, die es, wie der französische Mathematiker Laplace auf eine Frage Napoleons formulierte, einer überlegenen Intelligenz erlauben würde, aus der gegenwärtigen Konstellation der kleinsten Bausteine des Universums alle künftigen Arrangements, d.h. die ganze Zukunft, abzuleiten und damit vorauszusehen.

Das war im Grunde eine Fortsetzung des theologischen Credos von der in Gottes Allwissenheit begründeten universalen Unfreiheit. Man hat ihren Ursprung nur aus dem Himmel auf die Erde versetzt. Nicht mehr Gott, sondern der Mensch (als Wissenschaftler) nimmt nun Allwissenheit für sich in Anspruch. Der Gewinn, den sich die Naturwissenschaften von einer universalen Gültigkeit des „Kausalitätsprinzips“ versprechen, liegt auf der Hand. Da dieses Prinzip die Freiheit grundsätzlich ausschließt, wird die Welt für die Naturwissenschaften zur zur Gänze berechenbar. Auch wenn ihre Erklärungen de facto höchst unvollständig sind und auch bleiben werden, weil Menschen eben niemals über die umfassende Intelligenz des laplaceschen Dämons verfügen, sind der Enträtselung der gesamten Natur durch die Wissenschaften doch prinzipiell keine Grenzen gesetzt. Voller Selbstgewissheit und Optimismus haben die Wissenschaftler das Erbe der Theologen angetreten und übernommen.

Doch in ihrem selbstbewussten Vorgehen blieb ihnen verborgen (und das trifft auch auf die Philosophen in ihrem Gefolge zu), dass sie damit in eine Falle tappten: die Falle eines fundamentalen Widerspruchs. Der Sinn der meisten Gesetze, welche die Naturwissenschaften ermitteln, besteht ja in deren praktischer Anwendbarkeit. Ihre Universalität wird erst dadurch bewiesen, dass sie sich im Experiment zu beliebigen Zeiten und an beliebigen Orten wiederholen lassen. Mit anderen Worten, sie beruht darauf, dass eine gesetzmäßige Verknüpfung mit den dem Experiment jeweils vorausgehenden Raumzeitpunkten kategorisch ausgeschlossen und damit Freiheit ebenso kategorisch vorausgesetzt wird. Die Naturwissenschaftler und ihre philosophischen Exegeten haben schlichtweg übersehen, dass sie in einem Atemzug Freiheit zu ihrer notwendigen Voraussetzung erheben und sie andererseits mit gleicher Entschiedenheit leugnen (siehe I „Freiheit und Wunder“).

Die Attacke der Neurologen

Nur so ist zu erklären, dass Freiheit in ihrem Weltbild nach wie vor ein umkämpftes Terrain ist, so als könnten wir uns eine Wirklichkeit denken, in der es Freiheit nicht gäbe. Und dabei spielen seit neuestem die Humanwissenschaftler, genauer gesagt Neurologen, eine herausragende Rolle. Sie glauben ein für alle Mal den empirischen Beweis zu erbringen, dass menschliche Willensakte unmöglich als frei gelten können. Unser Wollen würde nämlich stets um Millisekunden später erfolgen als die diesbezüglichen Handlungen. Der „Willensakt tritt in der Tat auf, nachdem das Gehirn bereits entschieden hat, welche Bewegung es ausführen wird.“ Für den prominenten Neurobiologen Gerhard Roth steht damit fest, dass das Gefühl der Probanden, eine freie Entscheidung getroffen zu haben, aus wissenschaftlicher Sicht als bloße Illusion zu verwerfen sei. „Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun“, das ist auch die Überzeugung des Psychologen Wolfgang Prinz. Der Physiologe Wolf Singer pflichtet ihm darin bei. In der Überschrift eines FAZ-Artikels vom 8. Januar 2004 gibt Wolfgang Singer die Stoßrichtung seiner Forschungen an: „Verschaltungen legen uns fest: Wir sollten aufhören von Freiheit zu reden“.

Das Experiment von Benjamin Libet

Worin besteht nun das berühmte Experiment, das in den Augen führender Neurologen unser bisheriges Weltbild von Grund auf erschüttert? Der angebliche Beweis gegen die Freiheit des Menschen wurde von Benjamin Libet (1916 - 2007) in die Wissenschaft eingebracht. In seiner berühmten Versuchsanordnung maß Libet die zeitliche Abfolge eines Willensaktes und einer von diesem ausgelösten Muskelaktivität. Es zeigte sich in Libets Experiment, dass das Bereitschaftspotential im Durchschnitt 550-350 Millisekunden dem Willensentschluss vorausging, niemals mit ihm zeitlich zusammenfiel oder ihm etwa folgte. Einfacher gesagt, handelt der Mensch zuerst und wird sich erst dann bewusst, dieses Handeln zu wollen, zu beabsichtigen oder hervorzurufen – wie immer man diesen geistigen Vorgang auch nennen mag.

Libet geht weiter als alle anderen Wissenschaftler vor ihm

In seiner potentiellen Beweiskraft reicht das Experiment von Benjamin Libet viel weiter als es bei erstem Hinsehen scheint. Es hat zwar an sich nichts mit der von den Naturwissenschaften seit dem 17. Jahrhundert postulierten, universellen Kausalität zu tun. Auf den ersten Blick vertritt es eine viel bescheidenere Position, da es sich nur mit menschlichen Willensakten befasst. In Wahrheit aber dehnt sich seine Geltung gleichsam von selbst ins Universale aus. Sollte es nämlich wahr sein, dass selbst der Mensch nachweisbar unfrei ist, dann brauchen wir keine weiteren Gedanken mehr an die Natur zu verschwenden. Sie kann uns vielmehr völlig gleichgültig sein, denn in Wahrheit geht es ja immer und vor allem um unsere eigene, also um die menschliche Freiheit. Hat Libet Recht, dann könnte die Arbeitshypothese der Wissenschaften als gesicherte Erkenntnis verstanden werden. Wir sind dann bis zu jener letzten Bastion vorgedrungen, wo Freiheit von jeher mit größter Heftigkeit verteidigt wurde: dem Menschen. Und diese Bastion ist gefallen.

Damit scheint sich nach zweitausend Jahren theologischer und vierhundert Jahren wissenschaftlicher Diskussion der Kreis zu schließen. Das theologische Dogma von der Unfreiheit des Menschen aufgrund von Gottes Allwissenheit und das wissenschaftliche Credo von seiner Unfreiheit aufgrund der Kausalgesetze scheinen durch die jüngsten Ergebnisse der Hirnforschung bestätigt.

Zunächst die Blindheit gegenüber den eigenen Voraussetzungen

Ein Dogma und eine Arbeitshypothese scheinen bestätigt – in Wirklichkeit sind sie es keinesfalls. Die Kritik ergibt sich einerseits aus dem schon zuvor Gesagten. Es muss auch in diesem Fall überraschen, dass die Hirnforscher für den Widerspruch blind sind, den sie mit ihren Experimenten selbst demonstrieren. Das libetsche Experiment können sie beliebig oft an beliebigen Plätzen wiederholen - und erbringen mit dieser willkürlichen Reproduzierbarkeit den Beweis, dass ihr Entschluss durch den vorausgehenden Raumzeitpunkt auf keinen Fall determiniert und damit das bloße Resultat einer entsprechenden zerebralen Verdrahtung sein kann. Die Neurologen müssten sich darüber hinaus auch eingestehen, dass eine solche zerebrale Determination – wenn es sie wirklich gäbe – dem Experiment allen Sinn nehmen würde, weil ja die zu demonstrierende Wahrheit in dem Augenblick keine Wahrheit mehr ist, da wir zu ihr – wie der Neurophysiologe Wolf Singer behauptet - schlicht und einfach „verschaltet“ sind. Wahrheit und Lüge sind in diesem Fall ununterscheidbar. Sind wir zu dem jeweiligen Ergebnis verdammt und verurteilt, gibt es kein wahr oder falsch – und damit gibt es auch keine Wissenschaft, deren Ergebnisse diesen beiden Kriterien unterliegen.

Warum herrscht Stille um ein so sensationelles Forschungsergebnis?

Aber bleibt nicht trotzdem das experimentell gesicherte Faktum bestehen, dass Menschen erst handeln und danach diese Handlung wollen? Wenn es stimmt, dass die menschliche Unfreiheit damit zum ersten Mal in der Geschichte experimentell bewiesen wurde, stößt man zugleich auf ein merkwürdiges Rätsel. Warum löste dieser Beweis keine weltweite Erschütterung aus, sondern beschäftigt nur eine Handvoll von Neurologen? Da wird – so scheint es zumindest - ein Jahrtausendproblem auf erstaunliche einfache Art gelöst, und kaum jemand scheint dies wahrzunehmen, geschweige denn, sich ernsthaft dafür zu interessieren!

Einmal mehr zeigt sich hier, dass die Menschen Entdeckungen danach bewerten, wie sehr sie ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten entsprechen. Die Menschen des 20. und 21. Jahrhunderts sehnten sich, und sie sehnen sich mehr denn je nach einer Befreiung aus dem Gefängnis der Natur als Maschine. Sie haben die Quantenphysik begrüßt, weil sie glaubten, nun hätten die Physiker selbst eine Öffnung in das stählerne Gebäude der wissenschaftlichen Naturerkenntnis gesprengt. Sie hoffen auf die Wiederverzauberung, die Wiederbeseelung der zum toten Ding erklärten Natur. Aber sie wollen nichts davon wissen, dass jetzt sogar der Mensch – und das noch kraft eines anscheinend unanfechtbaren Beweises - zur Maschine gemacht werden soll. Libets Entdeckung erklärt menschliches Wollen zu einem Epiphänomen, einem illusionären Beiwerk. Erst ist die Handlung da, dann leistet sich die Natur den ziemlich überflüssigen Luxus, uns vorzugaukeln, dass wir es sind, die sie in Gang setzen wollten. Wäre Libet im Recht, dann liefe seine Entdeckung auf einen endgültigen Todesstoß für die Idee der Freiheit hinaus. Wir sind wieder da, wo Spinoza, Descartes, Voltaire, Holbach, Büchner, Russell – kurz das europäische Abendland seit nunmehr vierhundert Jahren - schon immer waren: bei einem gegen unsere Gefühle und unser Denken gleichermaßen unbarmherzigen Determinismus.

Warum Libet irrte

Doch wie verhält es sich in Wirklichkeit mit diesem „Beweis“? Ist er schlüssig, liefert er uns wirklich eine endgültige Antwort? Wird der aufgrund solcher Forschungsergebnisse gezogene Schluss von der Unfreiheit des menschlichen Willens nun unausweichlich?

Der aufgrund des libetschen Experiments gezogene Schluss ist keineswegs unausweichlich. Obwohl ich kein Neurologe bin, melde ich - ganz im Sinne von David Hume – meinen entschiedenen Widerspruch an. Und zwar nicht deswegen, weil ich Libets empirische Resultate für anfechtbar halte oder die Versuchsanordnung als fehlerhaft einschätze. Eine solche Kritik steht nur dem Spezialisten zu. Ich meine nur, dass sich aus ihnen ganz andere Folgerungen ableiten lassen.

Mein Einwand ist von schlichter und elementarer Art – so schlicht wie damals der Einwand von Hume gegen das Kausalitätsprinzip. Seltsamerweise sind weder Libet selbst noch die ihm folgenden Verfechter der Unfreiheit auf den recht nahe liegenden Gedanken gekommen. Wenn beides, der subjektiv wahrgenommene Willensakt (z.B. der Entschluss: „Ich will jetzt meine Hand aufheben“) und seine objektive Manifestation (z.B. die entsprechende Handbewegung) nur die verschiedenen Erscheinungsformen einer gleichen, aber tiefer liegenden Ursache sind, so ist mit den Ergebnissen von Libet überhaupt nichts bewiesen.

Sie sind aber offensichtlich die Erscheinungsformen einer tiefer liegenden Ursache. Jeder von uns weiß ja um diese tiefer liegende Schicht. Wie oft liegt uns zum Beispiel ein Wort auf der Zunge. Wir wissen, dass es in uns vorhanden ist – einige Minuten später fällt es uns plötzlich ein –, aber gerade in diesem Moment gelingt es uns nicht, das Wort aus dem Unbewussten in unser Bewusstsein emporzuladen. Derartige Fälle weisen uns unmissverständlich auf die Koexistenz zweier unterschiedlicher Dimensionen hin. Bevor wir überhaupt etwas in voller Bewusstheit wollen, ist in unserem Unbewussten schon eine entsprechende Regung vorhanden. Ja, das Bewusstsein setzt diese unbewusste Regung voraus – nicht anders als das ausgesprochene Wort jenen Zustand, bei dem es uns nur auf der Zunge liegt, aber wir es noch nicht ins Licht des Bewusstseins zu heben vermochten. Sowohl die Handlung selbst wie der bewusste Entschluss zu ihr ruhen demnach auf einem gemeinsamen Untergrund – um dessen Existenz wir zwar wissen, den wir aber nicht weiter beschreiben und schon gar nicht im Experiment messen können. Dieses nicht mehr fassbare X, diese vorbewusste Stufe, kann man als den „nicht-manifesten Willen“ umschreiben oder ihm irgendwelche anderen Bezeichnungen geben.

Wenn dies so ist, dann verliert die zeitliche Abfolge auf der manifesten Ebene alle Bedeutung im Hinblick auf das Problem menschlicher Freiheit. Der vorbewusste Anstoß löst die manifeste Handlung um Millisekunden früher aus als das manifeste Bewusstsein vom eigenen Wollen. Das ist alles. Die Tatsache menschlicher Freiheit wird durch das Experiment von Libet, so genial es ersonnen ist, durchaus nicht widerlegt.

Was ist Freiheit?

Doch was ist Freiheit, wo beginnt sie, wo kommt sie her, wo hört sie auf? Wir sind uns bewusst, dass sie sich in unseren sozialen Institutionen konkret manifestiert. Die gesellschaftliche Ordnung mit ihrer Verteilung der materiellen Güter, das Rechtssystem, unsere Vorstellungen von Moral, schließlich die Religion sind ihre Verkörperung. Doch worin das Wesen der Freiheit besteht werden wir wohl niemals erschöpfend beantworten können. Denn was bringt mich etwa dazu, im gegenwärtigen Moment diese und keine anderen Gedanken zu entwickeln? Mir selbst erscheint das gegenwärtige Geschehen als sinnvoll, weil ich selbst ihm diesen Sinn verleihe. Aus der Sicht eines anderen Wesens, sagen wir einer Katze oder eines Hundes, die mich dabei beobachten, drückt sich darin der bloße Zufall aus. Freiheit ist meine eigene und die allgemein menschliche Innensicht auf den Zufall, schon das Handeln eines anderen Menschen muss mir nicht unbedingt als sinnvoll erscheinen, manchmal vermag ich auch darin nur einen Zufall zu sehen.

Freiheit ist das Feld meiner je eigenen Seinsgestaltung. Wenn wir die Freiheit wozu von der Freiheit wovon unterscheiden, halten wir uns an den Sinn, den sie für unser tägliches Handeln besitzt, doch über ihren gemeinsamen Urgrund mit der Freiheit in der Natur, die wir zu Unrecht in dem schäbigen Begriff des Zufalls erfassen, haben wir damit nichts gesagt. Bekanntlich schlägt die Naturwissenschaft alles, was sie nicht durch Gesetze zu erklären vermag, dem Reich des Zufalls zu. Aber vielleicht drückt der Zufall nur jenen Bereich einer universellen Freiheit aus, der wir keinen menschlichen Sinn zu geben vermögen?

Die doppelte Unendlichkeit der Natur

Auf jeden Fall ist Freiheit das Kostbarste, was wir haben, weil sie uns aus dem Stahlgehäuse der Welt als Maschine erlöst. Sie ist allgegenwärtig in Mensch und Natur: die notwendige Entsprechung zu den Naturgesetzen. Theologie und Wissenschaft haben immer wieder versucht, sie hinwegzuleugnen, dennoch bricht sie als überwältigende Realität immer wieder unter dem Dogma hervor. Die Allgegenwart der Freiheit – die Voraussetzung dafür, dass Wissenschaftler überhaupt sinnvolle Experimente anstellen können – besagt nicht mehr und nicht weniger, als dass die Unberechenbarkeit der Natur so unendlich ist wie ihre in Gesetzen erfassbaren Ordnungen. Wir werden die Natur immer weiter entschlüsseln – das ist ein potentiell unendlicher Prozess. Doch je mehr sich der Lichtkegel weitet, mit der wir auf diese Weise uns selbst und die uns umgebende Wirklichkeit durchleuchten, umso größer wird zugleich das umgebende Dunkel. Auch Benjamin Libet hat mit seinem Experiment nur bewiesen, dass der Mensch weit komplexer ist, als er angenommen und vielleicht sogar vorausgesetzt hatte. Natur und Mensch behalten ihren Zauber und ihre Wunder.



III Wozu ist Wissen gut? (Exkurs über Werte- und Gesetzeswissen)

Manchmal lohnt es sich, scheinbar dumme Fragen zu stellen, solche, von denen jeder meint, er könne die passende Antwort auf Anhieb aus seinem Ärmel schütteln. Ganz gewiss gehört die im Titel genannte Frage zu dieser Kategorie, die Frage „Wozu ist Wissen gut.“ Jeder ist fest überzeugt, dass wir Wissen erwerben, weil unsere Gesellschaft auf Wissen aufgebaut ist und ohne Wissen nicht existieren kann. Das gilt von der technischen bis in die soziale und politische Sphäre. Zwar erlaubt ein demokratisches Gemeinwesen auch seinen unwissenden Bürgern den gleichberechtigten Zugang zur politischen Mitbestimmung, doch wird niemand daraus den tollkühnen Schluss ableiten, dass man in einer modernen Gesellschaft mit Unwissenheit genauso gut überlebt.

Die Schutzmauer um das Wissen

Doch stimmt es wirklich, dass Wissen vor allem den Zweck der Horizonterweiterung verfolgt, soll der Mensch durch Wissen zu einem mündigen Bürger werden - so wie es das Zeitalter der Aufklärung programmatisch verlangte? An dieser optimistischen Formel sind berechtigte Zweifel erlaubt. Sie müssen sich jedenfalls augenblicklich aufdrängen, sobald man der Geschichte des Wissens auch nur einen flüchtigen Blick zuwirft. Dann gelangt man zu einer ganz anderen Wahrheit: Wissen wurde gewöhnlich in undurchsichtige Schleier gehüllt, wenn nicht geradezu mit einer Brandmauer abgeschirmt. Einem indischen Shudra sollte flüssiges Blei in die Ohren gegossen werden, wenn dieser auch nur aus Versehen den heiligen Versen der Veden lauschte. Bis zur Ankunft der Engländer hat der Hinduismus keine „Kultur des Buches“ hervorgebracht, sondern die ungeheure Masse heiliger Texte von jeder Generation in jahrelangem Auswendiglernen mündlich tradieren lassen, weil Wissen um keinen Preis in die falschen Hände gelangen durfte. Das gleiche Misstrauen gegen das Volk führte in katholischen Kirchen dazu, dass die Priesterschaft christliche Messen bis vor gar nicht so langer Zeit ausschließlich in Latein zelebrierte, einer für die Menge unverständlichen Sprache. Das Volk brauchte nur zu verstehen, was es verstehen sollte – die Bibel gehörte nicht dazu.

Die Demokratisierung des Wissens

Die Reihe solcher Beispiele für die sorgfältige Abschirmung des Wissens gegen die Unbefugten könnte nahezu beliebig fortgesetzt werden. Deshalb war es nicht weniger als eine wirkliche Revolution, als zunächst der Protestantismus dann die Aufklärung mit dieser tausendjährigen Tradition einer Erziehung zur Unmündigkeit brach. Von nun an sollte Wissen allen Menschen zugänglich sein – ein grandioses Programm, das bis zu einem gewissen Grade auch in die Wirklichkeit übersetzt worden ist. Die allgemeine Schulbildung breitete sich über Europa und schließlich über große Teile des Globus aus. Die Aufklärer haben einen gewaltigen praktischen Sieg erfochten. Doch haben sie ihr Anliegen wirklich durchsetzen können? Wie weit lässt sich das Programm der Aufklärung überhaupt in die Realität umsetzen?

Warum Aufklärung nie mehr als einen Teilerfolg erzielte

Die säkulare Aufklärung des 18. Jahrhunderts wollte die ganze Wirklichkeit einschließlich der sozialen Welt mit dem hellen Lichtkegel der Vernunft ausleuchten. Im Hinblick auf die materielle Natur ist ihr dieses Vorhaben in erstaunlichem Maße gelungen. Überall auf dem Globus wird Wissen über die Natur gelehrt und täglich erweitert. Seine praktischen Ergebnisse schlagen sich in Apparaten nieder, die ebenso in China wie in Südafrika erdacht, konstruiert und vermarktet werden. Und dennoch: Die Denker des 18. Jahrhunderts haben etwas Entscheidendes übersehen. Soziale Erscheinungen sind nicht im gleichen Sinn begründbar wie die materiellen Vorgänge in der Natur. Offenbar handelt es sich hier um eine andere Art von Wissen. Auf ganz offensichtliche Art gilt dies für die Aussagen der Religion. Das von Hinduismus, Shintoismus oder Christentum über den Sinn des Lebens, über Liebe, Götter und die jenseitige Welt gelehrte Wissen ist für eine überwältigende Mehrheit der heutigen Menschheit nach wie vor weit bedeutsamer als alle Erkenntnisse, welche die Naturwissenschaften vermitteln. Aber es unterscheidet sich von deren Wissen, weil sein letzter und einziger Bezugspunkt weder Logik noch Empirie sind.

Das gilt nicht nur für die Aussagen der Religion. Schon gegenüber einer so elementaren Sphäre wie dem positiven Rechtssystem einer Gesellschaft, der Grundlage für das Zusammenleben der Menschen, versagt der Zugriff der Naturwissenschaften. Keine Rechtsvorschrift lässt sich aus der Natur und ihren Gesetzen ableiten – nicht einmal das Verbot, andere Menschen zu töten.

Écrasez l’infâme!

Die Aufklärung hat ihren spezifischen Feind in der Religion gesehen, weil deren Vorstellungen über das Jenseits, die Liebe, den Sinn des Lebens sich nicht beweisen lassen. Daraus zog sie den vorschnellen und gar zu einfachen Schluss, dass von ernst zu nehmendem Wissen hier gar nicht zu reden sei. Écrasez l’infâme (löscht alle Unvernunft aus!), dieser Spruch wurde oft genug so verstanden, dass alles was nicht begründ- und beweisbar ist, generell als sinn- und wertlos zu gelten habe. Man bemerkte nicht, dass dann ein Großteil aller sozialen Institutionen diesem Verdikt zum Opfer fiele, weil er sich der rationalen Aufklärung entzieht. Das fängt bei der Sprache an, wird im Rechtssystem vollends deutlich und endet bei der geltenden Wirtschaftsordnung. Hier haben wir es mit Setzungen zu tun, die eben deshalb veränderbar und tatsächlich in Raum und Zeit in nahezu unendlichen Varianten vorhanden sind.

Nur Mittel zum Zweck

Die Aufklärung hatte die Gesellschaft ganz allein auf Vernunft begründen wollen, so als könnte ihr Aufbau das Ergebnis rationaler Berechnungen sein – so wie man eine Maschine aufgrund der geltenden Naturgesetze berechnet. Aber die Vernunft kann nur die Instrumente liefern, um vorgegebene Werte zu realisieren – und auch das nur bei konstanten Bedingungen. Die Werte selbst und deren kulturelle Voraussetzungen entziehen sich ihrem Zugriff. Es gibt kein Naturgesetz, das mich zwingen könnte, mit anderen zu teilen statt als Egoist aufzutreten. Es gibt auch kein Naturgesetz, das eine Gesellschaft bewegen könnte, eher im inneren Frieden als im dauernden Kampf aller gegen alle zu liegen. In jedem Moment beruht mein Verhalten in sämtlichen sozialen Lebenslagen, sei es gegenüber dem Partner oder am Arbeitsplatz, auf einem Sollen, das im Idealfall mit meinem eigenen Wollen identisch ist. Denn ich kann auch ganz anders – und das gilt genauso für jeden anderen Menschen. Seine und meine Freiheit erlauben mir jederzeit den Ausbruch aus diesem Sollen. Ich kann meinen Mitmenschen ein lächelndes Gesicht voller Freundlichkeit zeigen oder mich brutal gegen sie verhalten. Sollen und Wollen sind die fundamentalen Kategorien der individuellen und sozialen Existenz. Das hebt die menschliche Sphäre weit über die von Physik und Chemie hinaus. Sieht man einmal von modernen Esoterikern ab, so kommt niemand auf den Gedanken, dem Mond dieselbe Freiheit zuzusprechen. Die Naturwissenschaft bestimmt seine Bahn ausschließlich aufgrund der im gesamten bekannten Kosmos für alle physischen Körper geltenden Gesetze.

Zwei Arten des Wissens

Dem Wissen kommt deshalb eine besondere Bedeutung und Stellung zu. Offenbar gibt es davon nicht nur eine einzige Art, wie allgemein angenommen, sondern es tritt uns immer schon in zwei ganz unterschiedlichen Erscheinungsformen entgegen. Das eine möchte ich als Wertewissen, das andere als Gesetzeswissen bezeichnen.

Das Gesetzeswissen umfasst alle als richtig erwiesenen Erkenntnisse über die Natur. Es steht zu vermuten, dass es in seinem potentiellen Umfang unendlich ist - so grenzenlos wie die Natur selbst, auf die es sich richtet. Dieses Wissen ist einer beständigen Ausweitung und Vervollkommnung fähig – in einem fort verdrängt es seine weniger genauen oder weniger umfassenden Vorstadien. Gesetzeswissen unterliegt zudem dem Kriterium von wahr oder falsch. Hier kann es den Irrtum geben, wenn das Wissen auf falscher Beobachtung oder auf falschen Schlüssen beruht. Ein solcher Irrtum kann bisweilen tödliche Folgen haben, zum Beispiel, wenn die Wirkung giftiger Substanzen oder gefährlicher Viren falsch eingeschätzt wurde. Aber solche Irrtümer werden in einzelnen Menschen und ihrem Versagen gesucht. Sie beeinträchtigen nicht unser Menschenbild, und auf das Zusammenleben der Völker haben sie keinerlei Wirkung. Niemand bringt andere Menschen um, weil sie Einstein nicht richtig verstanden haben oder über Entropie falsche Deutungen in Umlauf bringen.

Das Wertewissen

Ganz anders das Wertewissen: Es entscheidet über Glück und Unglück des Einzelnen wie über das ganzer Nationen. Bis in seine kleinsten Verzweigungen wird das tägliche Leben jedes Menschen von diesem Wissen und seinen Regeln beherrscht. Die Vorstellungen über den richtigen Umgang mit Partnern, Freunden, Kollegen am Arbeitsplatz, über das also, was ich in meiner jeweiligen sozialen Sphäre tun sollte oder niemals tun darf, lenken mein Leben in die Bahn der Zufriedenheit oder zerstören es in ständigen Konflikten. Denn im Unterschied zum Gesetzeswissen ist das Wertewissen niemals neutral. Das Gesetzeswissen lässt unsere Gefühle kalt, sofern wir nicht gerade zu den Erfindern und Forschern zählen. Wir freuen uns zwar über neue, das Leben erleichternde Technologien, doch ob eine bestimmte wissenschaftliche Hypothese nun wahr oder falsch ist, verursacht den wenigsten Menschen schlaflose Nächte. Das Gesetzeswissen entsteht im Dialog des menschlichen Geistes mit der äußeren Natur. Ausgestattet mit einer Bibliothek könnte der große Erfinder theoretisch auch ganz allein deren Gesetze erkunden. Werte dagegen entstehen auf ganz andere Weise. Sie erwachsen immer nur aus der aktiven Beziehung zu anderen Menschen. Sie sind das Band, das sie miteinander verknüpft.

Weil das Wertewissen so eng mit Gefühlen verbunden ist, prallen die wissenschaftlichen Kategorien von wahr und falsch von ihm ab. Werte sind gut oder böse, gefährlich oder beglückend, sie sind unsere eigenen oder die der anderen. Werte sind die Brücke zu den mich umgebenden Menschen oder der Abgrund, der mich von ihnen trennt. Aber sie können nicht falsch oder wahr sein wie wissenschaftliche Aussagen in Bezug auf die von ihnen beschriebene Wirklichkeit. Zweifellos gibt es einen Fortschritt der Werte, z.B. wenn wir das Gefühl der Brüderlichkeit von Familie und Stamm allmählich immer weiter spannen, so dass es auch ethnisch Fremde, religiös andersgläubige und schließlich sogar Menschen mit abweichenden Werten umfasst. Aber dieser Fortschritt entspringt keiner irgendwie gearteten Notwendigkeit. Er entspringt allein unserer Freiheit, und daher ist er auch ständig in Gefahr, wieder aufgehoben zu werden. Die Menschheit muss sich nicht in Richtung größerer Brüderlichkeit und zum Frieden entwickeln – sie könnte es allenfalls.

Werte sind nicht das Werk berechnenden Denkens. Ihr Ursprung liegt jenseits der planenden Vernunft. Sie können spontan entstehen, z.B. in einer Notsituation, wo Menschen einander ohne äußeren Druck zur Hilfe kommen. Dann entsteht ein Einverständnis und Einklang in Denken und Handeln, der auch allen Zeiten des kulturellen Aufschwungs zueigen ist. Niemand kommt dann auch nur auf die Idee, danach zu fragen, ob die selbst gesetzten Regeln solchen Wertewissens eine objektive Realität jenseits menschlichen Wollens aufweisen. Das wäre so absurd, wie wenn ein Verliebter auf den Gedanken verfiele, seine Beziehung zu dieser und keiner anderen Geliebten von irgendwelchen Gesetzmäßigkeiten ableiten zu wollen. Das Wertewissen besitzt die überwältigende Evidenz von Gefühlen. Es bedarf keiner Bestätigung durch die Ratio.

Werte unter Beschuss

Doch Vernunft kann sich sehr wohl einmischen. Sie wird immer dann zur Hilfe gerufen, wenn die Evidenz nicht mehr stimmt, wenn sie im Schwinden ist. Dann setzt der Zweifel ein, dann werden wir uns plötzlich bewusst, dass unsere Werte auf keiner Gesetzestafel verzeichnet stehen, sondern wir selbst sie geschaffen haben. Wenn das Einverständnis, dem diese Werte ihr Dasein verdanken, mehr und mehr erodiert, dann geraten die bestehenden Werte auf einmal unter Beschuss – und das Wissen umgibt sich mit einer hohen Mauer, um dem Zweifel den Mund zu verbieten. Dann spricht es auf einmal in toten Sprachen, in Sanskrit oder Latein, um von den Lebenden nicht verstanden zu werden. Dann wählt es absichtlich einen esoterisch-abgehobenen Jargon, um die Laien auf Abstand zu halten. Dann umgibt es sich mit Vorliebe mit dem Nebel der Mystifikation: Auch das Einfachste wird möglichst komplex und für den Normalmenschen unverständlich gehalten, während eine demokratisch orientierte Vermittlung sich darum bemüht, selbst komplexe Zusammenhänge auf möglichst einfache Art darzustellen (1).

Vor allem aber versucht das Wertewissen, sobald seine Evidenz im Schwinden ist, mit Mimikry über sein wahres Wesen hinwegzutäuschen. Es schlüpft in die Verkleidung des ihm ganz fremden Gesetzeswissens.

Die neoliberale Mimikry

In diesem Sinne hat die in unserer Zeit so mächtige Wirtschaftswissenschaft das neoliberale Weltbild zu zementieren gesucht, indem sie sich das Gewand der Mathematik überstreifte. Mathematik soll für exakte und beweisbare Wahrheit wie bei der Beschreibung natürlicher Vorgänge bürgen. Dadurch dass man eine Wertentscheidung wie den Neoliberalismus in einem Kokon aus komplexen mathematischen Formeln versteckte, sollte der Eindruck entstehen, man hätte es hier genau wie in der physikalischen Welt mit unabänderlichen Gesetzen zu tun (2).

Der Dienst an der Macht

Dieser Eindruck kam der politischen Macht und den hinter ihnen stehenden ökonomischen Interessen entgegen und wurde deshalb von ihr durch entsprechende Maßnahmen aktiv gefördert. Ein kleiner Kreis von Ökonomen durfte sich in der Rolle von Hohepriestern gefallen und übernahm die Deutungshoheit über die Wirtschaft. Die Politik belohnte die Willfährigkeit, indem sie bei ihnen jene Gutachten bestellte und großzügig honorierte, mit denen sie dann die eigenen Entscheidungen in den trügerischen Schein der Unanfechtbarkeit hüllte. Auf diese Weise erhielt die neoliberale Politik der vergangenen dreißig Jahre einen pseudowissenschaftlichen Segen. Wissen wurde nicht erzeugt, wie die Schulweisheit glaubt, der Bürger nicht zur Mündigkeit erzogen, wie es die Aufklärung verlangt, sondern Dogmen wurden im Auftrag der Politik als exakte Wissenschaft ausgegeben. Das Wissen dieser Monopolisten der Wahrheit diente tatsächlich dem Zweck, Wahrheit zu unterdrücken und als unwissenschaftlich zu denunzieren: „There is no alternative“ lautete die Devise. Eigentliches Wertewissen – in diesem Fall die aktive Begünstigung einer Minorität auf Kosten der Mehrheit - wurde zum (pseudo-)wissenschaftlichen Gesetzeswissen umgedeutet und so mit einer Brandmauer gegen jeden Einspruch geschützt.

Die Frage, wozu Wissen auch gut sein kann, erlaubt in diesem Fall eine recht eindeutige Antwort. Es kann dazu gut sein, Unwissenheit zu erzeugen.

1 Die Tendenz, das Komplexe auf möglichst einfache und verständliche Art darzustellen, und ihr Gegenteil, die Versuchung, selbst das Einfache so zu verkomplizieren, dass es nur Insidern verständlich ist, verhalten sich ganz ähnlich zueinander wie Demokratie und autokratische Regime. Das autokratische Wissen ist auf Abgrenzung gegen die „Masse“ aus. Meist tritt es mit dem Gestus und Anspruch der höheren Inspiration in Erscheinung. Es ist begreiflich, dass in alten Demokratien wie England und den Vereinigten Staaten das Bestreben zur Klarheit im Vordergrund auch des wissenschaftlichen Stiles steht. Dieses Bestreben gelangte mit den Naturwissenschaften seit dem 17. Jahrhundert zu Durchbruch, da die Letzteren ihrem Wesen nach demokratisch sind. Zu den Vorbildern für diesen Stil rechne ich Descartes, Bertrand Russell und Karl Popper, mit Einschränkungen auch Immanuel Kant und Schopenhauer.
2 Die Reichweite ökonomischer Wissenschaft lässt sich klar begrenzen. Einerseits betätigt sie sich wie die Rechtswissenschaften als normative Instanz, z.B. in der Betriebswirtschaft, und vermittelt dann ein in konkreten Handlungsanweisungen verdichtetes Wertewissen. Andererseits greift sie in das Gesetzeswissen über. Dann eruiert sie z.B. die technischen Maßnahmen, die unter den geltenden Bedingungen zur Erreichung wertbestimmter Ziele am besten geeignet sind.



IV Flucht aus der Freiheit

Seit Beginn seiner Geschichte hat sich der Mensch an zwei Arten des Wissens orientiert. Das eine lehrte ihn, sich in der Natur zurechtzufinden. Immer tiefer in deren Regelmäßigkeiten eindringend, fasste er dieses Wissen unter dem Namen der „Naturgesetze“ zusammen. Das Gesetzeswissen hat in den Naturwissenschaften und der auf ihnen beruhenden Technik seit Mitte des 18. Jahrhunderts einen Aufschwung genommen, der zu einer grundlegenden Umgestaltung der menschlichen Umwelt führte. Zum ersten Mal in seiner Geschichte lebt der Mensch in einer weitgehend von ihm selbst nach eigenen Bedürfnissen geschaffenen Welt. Diese historisch einmalige Einwirkung auf die äußere Natur wäre ohne die Kenntnis der in ihr herrschenden Gesetzmäßigkeiten nicht denkbar.

Dennoch, obwohl das Gesetzeswissen seinen beispiellosen Siegeszug initiierte, kommt einer zweiten Art Wissen, das man im Vergleich eher als archaisch bezeichnen könnte, weil es sich in Umfang und Art seit den frühesten Kulturen kaum verändert hat, eine viel größere Bedeutung sowohl für den einzelnen wie für ganze Gesellschaften zu. Das ist das Wertewissen. In welcher Sphäre wir uns auch bewegen, der privaten oder der sozialen, unser Leben wird auf Tritt und Schritt von Werten beherrscht: Werten moralischer Art, die in der Familie, in Partnerschaften und unter Freunden und Bekannten gelten, oder Werten, die als Ge- und Verbote des Rechtssystems den Großteil aller öffentlichen und privaten Transaktionen lenken. An Werten und ihrem Gegenteil, den Unwerten einer Gesellschaft, entzünden sich unsere Leidenschaften, Gefühle, Aversionen bis hin zu den Auswüchsen des Fanatismus. Werte bilden den Humus, auf dem Glück und Unglück gedeihen.

Im Gesetzeswissen wird Freiheit negiert, allenfalls räumt man ihr in Gestalt eines wert- und sinnlosen Zufalls eine unbeachtete Nische ein. Dagegen hat unser Wertewissen Freiheit zu seinem Urgrund und seiner Voraussetzung. Denn dieses Wissen beruht auf der Fähigkeit lebender Wesen und vor allem des Menschen, durch die eigene Tat in den Ring der Geschehnisse einzugreifen und diese nach Gutdünken zu formen (1). Als umso überraschender muss es jedem unvoreingenommenen Betrachter erscheinen, dass Freiheit eine Vokabel ist, die in der Geschichte des Denkens eine eher stiefmütterliche Rolle spielt. Freiheit wurde immer wieder geleugnet, sie wurde hinwegdisputiert, relativiert, eskamotiert. Denn die Freiheit des Menschen befindet sich ja in gefährlicher Nähe zur Willkür. Diese aber war immer mit dem Odium des Schädlichen und Gefährlichen behaftet. So kommt es, dass der Freiheit, welche Essenz und Wesen des Wertewissens ausmacht, von jeher die Flucht aus der Freiheit entgegenstand.

Freiheit und Religion

Diese Flucht aus der Freiheit reicht vermutlich weit hinter den Beginn der dokumentierten Geschichte zurück. Denn Göttern und Geistern fiel seit frühesten Zeiten die Aufgabe zu, den Menschen bestimmte Gesetze per Dekret zu verordnen. Das taten sie nicht erst, als Moses eine steinerne Tafel vom Berg Sinai brachte, sondern sie taten es schon in China und Indien und noch in den kleinsten Stammesgesellschaften, über die wir Zeugnisse besitzen. Die Menschen hatten kraft ihrer Freiheit eine eigene Form des Zusammenlebens gefunden und sie in ihre je eigenen konkreten Gesetze gegossen. Doch leugneten sie ihre Freiheit, indem sie deren Ursprung aus dem eigenen Wollen in das Wollen von Göttern und Geistern verlegten: Nicht sie selbst hatten sich ihre Ordnung gegeben, sondern diese war ihnen von oben geschenkt oder auferlegt worden.

Das Motiv für diese uralte und weltweit verbreitete Flucht aus der Freiheit liegt auf der Hand. Die einmal gewählte Ordnung sollte von niemandem angefochten und in Frage gestellt werden können. Eine die Generationen umspannende Dauer der einmal gewählten sozialen Verfassung schien nur dann garantiert, wenn man die Regeln des menschlichen Zusammenlebens dem Zugriff der Einzelnen entzog. Denn der Wille einzelner Menschen war und blieb wandelbar – nur was die Götter wollten, entzog sich allem menschlichen Einspruch. Die Gesellschaft schützte ihre eigenen Regeln, indem sie ihnen einen gottgewollten Status verlieh.

Für diese Flucht aus der Freiheit, die den Göttern zuschrieb, was in Wahrheit bloßes Menschenwerk war, musste allerdings ein hoher Preis bezahlt werden. Denn die Götter wurden dadurch zu gegenseitigen Feinden. Seit den ältesten uns bekannten Zeiten haben sie einander gehasst und bekämpft: Ihre jeweiligen Anhänger in verschiedenen Ländern, Zeiten und Kulturen hatten sie ja zu Garanten grundverschiedener Menschenordnungen gemacht. Was eine Gottheit verdammte und unter Strafe stellte, war der anderen recht oder heilig. So sanken die Götter der jeweils anderen zu Götzen, Dämonen oder Teufeln herab oder man erklärte sie schlicht zu Hirngespinsten. Im Himmel herrschte derselbe Kampf wie auf Erden.

So lange Religionen das Denken mit eiserner Faust umschlossen, war dies der Königsweg, den sich die Flucht aus der Freiheit wählte. Menschliche Ordnungen waren kein Menschen-, sondern sie sollten Gotteswerk sein. Zwar stand dem Menschen die Möglichkeit offen, eine andere als die von Gott sanktionierte Ordnung zu wählen. Er konnte sich dem göttlichen Gesetz als Individuum entziehen oder auch als sozialer Verband. Doch dann beschritt er den Weg der Verdammten und Bösen. Seine Freiheit führte ihn direkt in die Hölle. Aus theologischer Sicht war Freiheit daher eigentlich gar nichts wert. Sie konnte den Menschen nur in Versuchung führen. Denn der einzig richtige Weg war ja von vornherein vom Himmel eindeutig vorgezeichnet.

Zumindest in der heutigen westlichen Welt hat diese Art zu denken ihre ursprüngliche Bedeutung weitgehend eingebüßt. Nur wenige Menschen sind immer noch überzeugt, dass übermenschliche Wesen statt ihres eigenen (demokratischen) Wollens für ihre jeweilige soziale Ordnung zuständig seien. Auch wenn sie in solchen Wesen den Urgrund ihrer Existenz erblicken, sind sie sich gleichwohl bewusst, dass diese ihnen offenbar eine vollkommene Freiheit gewähren – Freiheit, die sie zum eigenen und zum Wohl ihrer Mitmenschen oder zu deren Nachteil oder Verderben einsetzen können. Wir sind fähig, uns zur eigenen Verantwortung zu bekennen, statt diese an Gott abzutreten.

Freiheit und Wissenschaft

Doch ist die Flucht aus der Freiheit damit an ein natürliches Ende gelangt? Ist mit der europäischen Aufklärung auch das Zeitalter der Freiheit angebrochen? Keineswegs. Eher trifft das Gegenteil zu. Denn was die Religionen begonnen haben, hat die Wissenschaft fortgesetzt, und zwar in einem weit stärkeren Maße und auf eine Weise, die den meisten Menschen viel undurchschaubarer erscheint. Freiheit wird von neuem geleugnet. Diesmal indem man menschengestaltete Ordnungen nicht im Himmel, sondern in der Natur und ihren Zwängen verankert. Man schreibt ihnen den Status von Gesetzen zu.

Das Bestreben der Wissenschaften die Freiheit auszuschalten, ist allgegenwärtig. Man begegnet ihm ebenso in der Anthropologie, wie in der Psycho- oder Soziologie. Es ist gar nicht so lange her, da gehörte es zu den Allgemeinplätzen der Psychologie, dass Mann und Frau in ihren Fähigkeiten und Bestrebungen wesenhaft unterschieden seien; es gehörte zu den Gemeinplätzen der Anthropologie, dass der Mensch von Natur aus auf Konkurrenz angelegt und deshalb schon in den Zeiten der Jäger und Sammler das gegenseitige Morden endemisch gewesen sei; es gehörte zu den Gemeinplätzen der Soziologie, dass menschliche Ungleichheit eine Konstante sozialer Verfassung und jeder Versuch, dagegen anzugehen, deshalb zum Scheitern verurteilt sei.

Wie gesagt, das sind überkommene Positionen, die sich seit Bestehen der genannten Wissenschaftsdisziplinen bis gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts verfolgen lassen. Inzwischen schlägt das Pendel der wissenschaftlichen Meinung jedoch in die entgegengesetzte Richtung aus. Jetzt ist von einer prinzipiellen Gleichheit der Geschlechter die Rede. Anthropologen betonen auf einmal die angeblich angeborene Neigung des Menschen zur Kooperation. Die Neurologen schließen sich ihrerseits diesem Standpunkt an, indem sie diese Neigung schon im Inneren des Gehirns verorten, wo Spiegelneuronen die biologische Grundlage für die Einfühlung in andere Menschen bilden (2). Und Jeremy Rifkin bietet in seinem jüngsten Buch „Die Empathische Zivilisation“ geradezu ein „Who is who?“ sämtlicher Wissenschaftler, die ebenso wie er selbst daran glauben, dass der Mensch seinem wahren Wesen nach gut, einfühlend, kooperativ und gerecht sei und wir kurz vor dem Anbruch eines Zeitalters stehen, wo er all diese Eigenschaften entfalten werde (3).

Wissenschaft als Magd sich wandelnder Bedürfnisse

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die menschenbezogene Wissenschaft sich gar zu bereitwillig zur Magd der jeweiligen sozialen Bedürfnisse macht. Es ist noch nicht lange her, da galt als wichtigste Eigenschaft eines Konzern- und Bankenchefs die Bereitschaft zu aggressivem Verhalten, und der gleiche Imperativ kam auch auf ganze Gesellschaften zu: Mit aller Kraft und Rücksichtslosigkeit sollten sie sich gegen ihre ebenso brutalen Konkurrenten auf den globalen Märkten durchsetzen. Welche Erleichterung für ihr Gewissen musste es da bedeuten, wenn die Wissenschaft den Nachweis erbrachte, dass Aggression bereits in den Genen angelegt oder in der Geschichte des Menschen überhaupt der Normalfall sei! Der Einzelne hat dann, so die kaum verschlüsselte Botschaft, gar keine andere Wahl. Er tut nur, was er ohnehin machen muss und alle anderen ebenso tun wie er! Um Freiheit braucht er sich nicht zu kümmern.

Inzwischen haben wir die giftigen Früchte dieser Botschaft reichlich geerntet, und deshalb ist jetzt eine genau entgegengesetzte Lehre zu hören. Gewiss, die uns zur Empathie befähigenden Spiegelneuronen sind eine der großen Entdeckungen der jüngeren Wissenschaftsgeschichte. Aber schon die Horden Dschingis Khans und die Nazischergen waren zweifellos mit ihnen ausgestattet. Man gewinnt den Eindruck – und soll ihn wohl auch gewinnen - als würden solche Entdeckungen den Menschen verändern. Damals, als es darum ging, das Gewissen des aggressiven Managers und der gesamten auf Aggression verpflichteten Wirtschaft zu erleichtern, hätte man am liebsten ein Aggressions-Gen entdeckt, um den Menschen von seiner persönlichen Verantwortung zu entlasten. Heute würde man umgekehrt am liebsten ein Gen für Friedfertigkeit ausfindig machen – und zwar aus demselben Grund.

Hopis und Ilias

Doch das eine ist so unsinnig wie das andere, denn diese scheinbare Entlastung von der eigenen Verantwortung bedeutet nichts anderes als eine Flucht aus der Freiheit. Die historisch und wissenschaftlich einzig haltbare Wahrheit besagt, dass wir immer schon und wohl auch in alle Zukunft zu beidem fähig sind: Wir haben das Zeug zur Heiligkeit und zu Verbrechern in uns. Genau diese Ambivalenz macht das Wesen menschlicher Freiheit aus. Es hat (vor allem kleinere) Gesellschaften wie die der Hopis gegeben, in denen das Aggressionspotential auf ein Minimum reduziert war. Die Menschen haben im Miteinander sozusagen ein soziales Selbsttraining in zwischenmenschlicher Friedfertigkeit absolviert (4). Es hat andere gegeben, wo die täglich geübte Aggression zum guten Ton gehörte. Man muss nicht einmal zu den Mongolenhorden, zu Timur dem Lahmen oder zu Mohammad Tughlak gehen (5), um sich davon zu überzeugen - es genügt ein Blick in eines der bedeutendsten Zeugnisse der Weltliteratur, in die homerische Ilias.

Die Wissenschaften vom Menschen erhellen unsere eigene Komplexität, indem sie uns nacheinander die verschiedenen Aspekte unserer Freiheit bewusst und begreiflich machen, diese Freiheit selbst aber schaffen sie nicht aus der Welt. Wir sind erst wirklich frei, wenn wir weder in Gott – wie das die längste Zeit der Geschichte der Fall war - noch wenn wir in der Natur – wie dies seit der Neuzeit in immer neuen Anläufen versucht worden ist - eine Rechtfertigung für die eigene Freiheit suchen.

Ein berechtigter Einwand

Doch haben die Wissenschaften nicht in einem zentralen Punkt Recht? Muss es nicht als eine unsinnige Annahme erscheinen, den Menschen, der doch Teil der Natur ist, aus dieser herauszulösen, so als gäbe es zwar in der letzteren „eherne“ und „unverbrüchliche“ Gesetzmäßigkeiten, doch ganz allein für ihn nicht? Wie kommt er dazu, aus der Natur und ihren Notwendigkeiten herauszutreten, indem er sich zu einem freien Wesen erklärt? Diesen Einwand erhob schon Voltaire: „Es wäre schon recht erstaunlich“, schrieb der französische Aufklärer, „wenn alle Sterne ewiger Gesetzhaftigkeit unterliegen, während nur ein unscheinbares Tier von fünf Fuß Größe sich nach Belieben ihnen widersetzen darf, gerade wie seine Launen es ihm gebieten.“ In den beiden ersten Aufsätzen habe ich versucht, darauf eine Antwort zu geben.

1 „Der Mensch… hat… das Vorrecht, in den Ring der Notwendigkeit… durch seinen Willen zu greifen und eine ganz frische Reihe von Erscheinungen in sich selbst anzufangen. Der Akt, durch den er dieses wirkt, heißt… eine Handlung, und diejenigen seiner Verrichtungen, die aus einer solchen Handlung herfließen,… seine Taten“ (Friedrich Schiller: Über Anmut und Würde, Schiller-SW Bd. 5, S. 454).
2 Es erfrischt, wie Prof. Joachim Bauer die in ihren Folgerungen einseitige Darwinsche Lehre kritisiert. Indem er dann allerdings jenen Seiten der menschlichen Physiologie eine besondere Stellung zuschreibt, die in Richtung von Kooperation und Einfühlung gehen, entsteht immer wieder der Eindruck, als habe ein Wissenschaftler nun die wahre und eigentliche Natur des Menschen entdeckt. Doch darin liegt eine neue Einseitigkeit. Wieder soll menschliches Wesen in der Natur verankert werden.
3 Die von Jeremy Rifkin beschriebene „Emphatische Zivilisation“ verhält sich zu unserer Wirklichkeit etwa so wie das Positiv zur Negativablichtung in der Photographie - eine streckenweise schwer erträgliche Schönfärberei.
4 Siehe Uwe Wesel, Der Mythos vom Matriarchat. Suhrkamp 1999; s. 101ff.
5 In Gestalt des Mohammad Tughlak hat Elias Canetti hat in „Masse und Macht“ ein Schaudern erregendes Porträt des vollendet Bösen gegeben.


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Reaktion eines Wissenschaftlers

Mein Aufsatz „Was ist Freiheit?“ hat eine interessante Replik von einem Wissenschaftler ausgelöst, der selbst über das Problem des Determinismus geschrieben hat und über die verschiedenen Positionen bestens informiert ist. Ich gebe hier seine Stellungnahme wider, ohne seinen Namen zu nennen, weil ich ihn nicht um Erlaubnis für die Veröffentlichung nachgefragt habe. Anschließend meine Antwort.


Lieber Herr Jenner,

ich habe mir Ihren sehr schön formulierten Text durchgelesen, aber leider überzeugt er mich in den harten inhaltlichen Punkten überhaupt nicht. Ich will kurz skizzieren, wieso:

1. Ein wesentlicher Punkt Ihrer Argumentation ist, dass die Anforderung freier Reproduzierbarkeit in einem deterministischen Universum unerfüllbar ist. Wenn man aber den Freiheitsbegriff (in dem starken Sinne, wie Sie ihn verwenden) aufgibt, entsteht daraus keineswegs ein Konsistenzproblem: Zwar sind dann auch die Entscheidungen von Experimentatoren etc. determiniert, aber die Phänomene sind ja alle schlüssig beschreibbar. Immer wenn ein (seinerseits determinierter) Test vorgenommen wird, bestätigen sich die Voraussagen des Determinismus. Das ist eine selbstkonsistente Sicht, die man nicht mögen muss, aber die jedenfalls nicht widerlegt werden kann - außer man hat echte indeterministische Phänomene (und die hat man ja: Quantenphänomene - womit nicht behauptet werden soll, dass diese in der Entscheidungsdynamik des Gehirns wichtig sind. Aber der Laplace'sche Universaldeterminismus ist so jedenfalls nicht mehr haltbar - nur eben nicht, weil er inkonsistent wäre, sondern aus ganz anderem Grunde).

2. Die von Ihnen als Ausweg ins Spiel gebrachte "tiefer liegende Ursache", ein "nicht mehr fassbares X" etc. kann doch nicht resistent gegen die Frage nach seiner materiellen Manifestation sein. Klarerweise gehen Entschlüssen allerlei unbewusste Prozesse voraus, und Sie geben gute Beispiele, wie man das sogar im eigenen Erleben erahnen kann. Derlei wird erforscht, natürlich auch durch den "Blick ins Hirn", also durch Studium der materiellen Konfiguration. Wenn "X" immateriell wäre, würde sich sofort die Frage stellen, wie es denn dann auf Materie wirken könne. An diesen methodischen Weiterungen des Leib-Seele-Problems kommt man also nicht vorbei. Die Einführung von "X" verschiebt nur die Fragen 300 ms nach vorne.

3. Die Probleme mit der Willensfreiheit verschwinden, wenn man den Freiheitsbegriff abspeckt. Ich verstehe daher Ihre Motivation gar nicht, einen so starken (und, wie mir scheint, doch letztlich völlig unplausiblen) Begriff von Freiheit "retten" zu wollen. Mit einem kompatibilistischen Freiheitsbegriff kann man doch ganz gut leben: ich kann Argumente wägen und Entschlüsse fassen, und dass unterliegende neuronale Prozesse dabei determiniert sein mögen, spüre ich ja gar nicht. Es schränkt mich nicht ein. Das "Stahlgehäuse der Welt" zeigt sich nicht als Zwang, sondern als Voraussetzung, um ein und denselben Gedanken halten und als solchen wiedererkennen zu können.

Daher muss ich der Freiheitsromantik Ihres Schlussabschnitts z.B. die nüchterne Analyse eines Ansgar Beckermann entgegenhalten.

Aber um keinen falschen Eindruck zu erzeugen: ich habe Ihren Text in seiner facettenreichen Ausgestaltung und seinem engagierten Grundton durchaus genossen!

Mit besten Grüßen,

XXX.

Meine Antwort vom 25.1.2012

Lieber Herr XXX,

haben Sie vielen Dank für Ihre scharfsinnigen Argumente. Lassen Sie mich mit Punkt 2 Ihrer Entgegnung beginnen.

Wo beginnt die Freiheit menschlichen Handelns?

Sie meinen, dass eine tiefere Ebene, auf der – in meiner Diktion - die materiellen Manifestationen des Willensentschlusses und des ihm entsprechenden Handlungsvollzugs aufruhen, doch wohl ihrerseits materiell nachweisbar sein müsse.

Das ist genau die Frage – eine, wie ich meine, offene Frage. Lassen Sie mich zur Illustration einen kleinen Sprung in Ihr Fachgebiet vollziehen: die Physik. Zum Zerfall eines Alpha-Teilchens meint Werner Heisenberg, dass wir, um zu wissen, dass gerade dieses Teilchen zu genau dieser Zeit zerfällt, den mikroskopischen Zustand der ganzen Welt kennen müssten - was aber sicher unmöglich sei. Deswegen würden wir über statistische Angaben nicht hinausgelangen. Heisenberg hat damit im Grunde nicht mehr und nicht weniger gesagt, als dass die streng kausale Kette an diesem Punkt abreißt. Eine Ursache, die sich auf keine Art messen lässt – das gilt natürlich für den mikroskopischen Zustand der Welt – ist für unsere Erfahrung keine Ursache mehr, denn sie lässt sich als „Sache unserer Erfahrung“ gar nicht länger beschreiben. Wir haben es zwar mit einer messbaren Wirkung, dem Zerfall eines Alphateilchens – zu tun, aber nicht länger mit einer messbaren und erkennbaren Ursache. Alle Aussagen, die wir über die letztere machen, sind metaphysischer Art. Man kann auch sagen: rein spekulativ.

Ich weiß nicht, ob Sie es für möglich halten, dass es der Physik einmal gelingen könnte, für den Zerfall des Alphateilchens doch noch eine messbare Ursache zu finden. Einstein hat ja wohl mit einer derartigen Möglichkeit gerechnet, als er dem lieben Gott das Würfeln verbieten wollte. Doch angenommen, die Physik würde eine solche messbare Ursache finden, dann kämen wir nur damit nur um einen einzigen Schritt weiter voran, denn diese neue Ursache würde ihrerseits wieder auf einem nicht messbaren Grund aufruhen. Wir würden in einen Regressus ad infinitum geraten.

Berühren sich nicht Physis und Psyche am Ende der kausalen Kette?

Der Zufall im Zerfall eines Alphateilchens verweist uns direkt in eine Welt – ich nehme an, Sie stimmen mir in diesem Punkt zu - wo wir mit unserem Determinismus am Ende sind. Doch verhält es sich nicht ganz analog mit der Freiheit eines Entschlusses, dessen materielle Manifestationen Libet in ihrer Abfolge zwar zu bestimmen vermochte, den wir aber auf ähnliche Weise nur immer weiter und weiter zurückverfolgen? An irgendeinem Punkt gelangen wir neuerlich zu einer nicht länger messbaren Schein-Ursache – dem mikroskopischen Zustand der ganzen Welt, z.B. dem Feuern dieses bestimmten Neurons in diesem Augenblick. Wenn Sie so wollen, berühren sich hier Physis und Psyche.

Große Philosophen haben um diese Grenze der Messbarkeit und einer auf sie vertrauenden Vernunft immer gewusst. Pascal etwa (der sich nur dadurch zu helfen wusste, dass er Gott an die Stelle der ersten Ursache setzte), natürlich Hume, aber auch Kant in seinen Antinomien. Später Jaspers, aber auch der so zu Unrecht als Positivist verschriene Popper. Was mich betrifft, so halte ich den Bereich des Messbaren – das heißt das mögliche Feld erkennbarer Gesetzmäßigkeiten für schlechthin unbegrenzt. Ich bin sozusagen ein Wissenschaftsoptimist. Gewiss werden wir immer neue Gesetzmäßigkeiten aufdecken (sofern uns nicht die schon bekannten am Ende dazu dienen, dass wir uns als Spezies aus der Welt katapultieren).

Ich halte nur eben das Gebiet der Freiheit in der Natur – oder, wie die Wissenschaft zu sagen pflegt, das Gebiet des Zufalls – für ebenso unbegrenzt. Und es schien mir geraten – ein fruchtbares und deswegen unter Philosophen ja auch besonders beliebtes Verfahren –, Freiheit und Determination jeweils in ihrer logisch reinen Form zu betrachten, weil nur dann auch die Konsequenzen besonders prägnant benannt werden können.

Der Determinismus als metaphysische Lehre

Damit komme ich zu Ihrem ersten Punkt, dem Determinismus, der, wie Sie sagen, nicht widerlegbar sei. Da gebe ich Ihnen Recht. Doch werden Sie sicher mit mir einer Meinung sein, dass wir ihn ebenso wenig zu beweisen vermögen. Die Folgen dieses Unvermögens sind bekannt. Gemäß Popper zählen Aussagen, die weder widerleg- noch beweisbar sind, zur Metaphysik, nicht zur Wissenschaft: Sie sind bloße Behauptungen ohne Erkenntnisgewinn.

Erschwerend tritt für den konsequenten Deterministen hinzu, dass die bloße Behauptung von der Wahrheit oder Unwiderlegbarkeit dieser Lehre streng genommen unsinnig ist: Wahrheit und Unwahrheit kommen als Maßstäbe dann ja von vornherein nicht länger in Frage. Wir gehen dann nämlich von der Voraussetzung aus, dass wir ohnehin nur sagen können, was wir auch sagen müssen. Ob Herr Roth von Willensunfreiheit spricht oder ich das Gegenteil sage, ist dann gleich gültig, d.h. es ist völlig gleichgültig. Mir erscheinen die Konsequenzen eines strikten Determinismus im Hinblick auf unsere Erkenntnis nicht weniger absurd als in Bezug auf die Moral: den Fatalismus. Der Determinismus wurde denn auch in der Rechtsprechung immer mit größtem Nachdruck zurückgewiesen. Womit natürlich keineswegs etwas gegen die tausendfach bestätigte Erkenntnis gesagt werden soll, dass wir in vieler Hinsicht in unserem Denken und Handeln von einer Fülle äußerer Einflüsse abhängig sind!

Eine zweidimensionale Welt

Lieber Herr XXX, unter Punkt drei verlangen Sie meines Erachtens mit vollem Recht, dass man den Freiheitsbegriff „abspecken“ solle. Ja, und genauso sollte man auch mit dem Determinismus verfahren, denn daraus ergibt sich die Erkenntnis, um die es mir in meinem Aufsatz „Was ist Freiheit“ ja eigentlich geht. Beide Dimensionen, Gesetzhaftigkeit und Freiheit, gehören zur Welt unserer Erfahrung. David Hume hatte schon vor mehr als zweihundert Jahren erkannt, dass wir mehr behaupten als wir tatsächlich wissen können, wenn wir von „Gesetzen“ und von „Notwendigkeit“ sprechen. Unsere Erfahrung registriert nichts anderes als Aufeinanderfolgen (ich übergehe hier den Einwand Kants gegen diese Auffassung). Das allerdings hindert die Wissenschaft nicht daran, die Welt immer exakter zu beschreiben und sie sich in immer genaueren Voraussagen zu unterwerfen.

Andererseits wissen wir auch nicht wirklich, was Freiheit ist, denn an den Rändern der „Mittleren Welt“ unserer Erfahrung stoßen wir an die Grenzen des Messbaren. Dort begegnen die Wissenschaften dem Unmess- und Unvorhersehbaren. Sie bezeichnen dieses X abwertend als Zufall. Doch damit werden sie dem Menschen als einem Teil der Natur durchaus nicht gerecht. Als Menschen besitzen wir einen Willen, dessen Entscheidungen wir nicht auf bloße Zwänge zu reduzieren vermögen. Der Wille bietet uns eine „Innensicht“ auf den Zufall. Wir sprechen von einem freien Willen als einem Antrieb der eigenen Existenz. Weder Sie noch ich definieren uns durch die von außen einwirkenden und uns in diesem Sinne determinierenden Zwänge (obwohl es davon, wie gesagt, eine kaum überschaubare Menge gibt). Wir definieren uns nicht durch das Maß unserer Unfreiheit, sondern durch die zweite Dimension, die neben diese Zwängen existiert, die Freiheit. Was wir unseren je eigenen Lebensentwurf nennen, ist das Resultat dieser Freiheit.

Ich bin nach wie vor überzeugt, dass die knappste und logisch befriedigendste Form, in der wir Freiheit und Gesetz als die beiden polaren Dimensionen der uns umgebenden Wirklichkeit darstellen können, in dem Satz beschlossen liegt, dass die Wissenschaften die Freiheit zwar nie empirisch nachweisen können (denn hier gibt sie sich immer nur als ein Manko zu erkennen, nämlich als Fehlen von Gesetzmäßigkeiten), dass sie aber die Freiheit zu ihrer logischen Voraussetzung haben – und darin liegt der denkbar stärkste Beweis. Das Auffinden von Gesetzen macht eben nur dann einen Sinn, wenn diese Gesetze sich an beliebigen Raum-Zeit-Punkten abspulen lassen, also ihr Eintritt sich jeder Gesetzhaftigkeit entzieht.

Ich sehe nicht, wie sich diese zentrale These meines Aufsatzes entkräften ließe.

Mit kollegialen Grüßen

Gero Jenner

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