Dienstag, 31. Juli 2012

Traum, Spiel und Esoterik – ein Versuch über den Homo somnians


A state of scepticism and suspense may amuse a few inquisitive minds. But the practice of superstition is so congenial to the multitude, that if they are forcibly awakened, they still regret the loss of their pleasing vision. Edward Gibbon

Im unserem wachen Leben sind wir Bäcker, Informatiker, Physiotherapeuten, Chirurgen, Wirtschaftsanalysten, Banker, Gauner oder Informatiker – kurz, wir sind da auf eine manchmal recht enge Funktion zusammengepresst. Doch in Schlaf und Traum wird jeder zum ganzen Menschen. Er erdichtet Märchen- und Gegenwelten, schüttelt Traumlandschaften aus dem Ärmel, schafft Charaktere wie aus Homer oder Alice in Wonderland.
In diesem zweiten Leben expandiert der Mensch zu einem ihm selbst unbekannten, weit ausgreifenden, manchmal unheimlichen Wesen. Es ist als würde er in dieser seiner zweiten Existenz auf ein Reservoir zugreifen, das der ganzen Menschheit gemeinsam ist, so dass sich alle Unterschiede zwischen oben und unten, geistvoll und dumm, fantasievoll und einfallslos plötzlich verwischen. Übrig bleibt nur der Mensch schlechthin, der in der Tiefe des Traums mit allen anderen Menschen verschmilzt und – wer weiß – vielleicht mit der ganzen Natur, die ihre unbewussten Kräfte spielerisch in ihm zur Entfaltung bringt.

Doch diesem Zustand wird regelmäßig ein abruptes Ende beschert. Derselbe Mensch, der eben noch alles war: Dichter, Maler, Bildhauer, Romancier, Musiker, Held, Engel oder Geschöpf der Unterwelten wird plötzlich wach, reibt sich irritiert die Augen, und wenn er beim allmorgendlichen Blick in den Spiegel endgültig das verlorene Ich wiederfindet und nichts anderes mehr ist als die Rolle, die er verkörpert: Bäcker, Informatiker, Beckmesser oder Pedant, dann ist die Verbindung zum Urgrund seines Seins wieder abgeschnitten. Er schüttelt den Kopf über diesen irrsinnigen Unhold, der da in ihm steckt und ihm so alberne Fantasmagorien zuflüstert.

Wir sind immer Bürger zweier Reiche

Wer hätte diesen Wechsel zwischen den Tiefen des Seins und den Oberflächen der vernünftigen Welt nicht schon viele Male erlebt? Da hat mir doch dies oder jenes geträumt. Verrückt! Und mancher von jenen Dauersiegern, welche stets behaupten, alles im Griff zu haben, fühlt sich peinlich berührt, dass er nachts der Kraft eines Dämonen weicht, der offenbar stärker ist als er selbst. Er will nicht wahrhaben, dass dieses nächtliche Versinken – dieses Eintauchen in ein verborgenes Sein aus Spiel und entfesselter Kreation - unsere ganze wache Existenz in ihrem Bann hält. Jenseits der funktionellen Rolle, wo der Taktstock rationaler Zweckmäßigkeit unser Tun und Handeln bestimmt, existiert eine zweite, radikal andere Sphäre, weit entfernt von den Diktaten des Überlebens und der dafür engagierten Vernunft. Mögen wir es auch noch so sehr leugnen. Wir sind immer auch Bürger dieses unterirdischen Reichs.

Traumgeborene Wirklichkeiten

Das jedenfalls bezeugt der Übergang – gleichgültig ob von Einzelnen oder von ganzen Nationen – aus einem Zustand der Notdürftigkeit, wo sie gerade das Lebensnotwendige erzeugten, zu einem Zustand der materiellen Absicherung oder gar Reichtums. Es ist, als ob der Mensch - kaum dass sein physisches Leben gesichert ist – sich nun zum Architekten einer höheren geistigen Ebene wandelt. Das Klöppelwerk der Spitzen, Türmchen, Rosetten, Wasserspeier und das fantastische Figurenwerk der gotischen Dome, was ist es anderes als eine traumgeborene Überhöhung der alltäglichen Wirklichkeit? Gotische Türme stiften so wenig materiellen Nutzen für menschliches Überleben wie die homerische Odyssee, Goethes Faust, Gottfried Benns „Blüht nicht zu früh, ach blüht erst, wenn ich komme“ oder Mozarts A-Dur-Klarinettenkonzert. Das alles sind Gegenwürfe zur Welt des Nutzens, geschöpft aus den Tiefen des Urgrunds, wo alle Menschen auf geheimnisvolle Art miteinander verbunden sind.

Nur Philister empören sich gegen den Traum

Es sollte immer ein besonderer Gegenstand für philosophisches Denken sein, dass nicht der Pflug, das Rad, der Abakus, der Bergbau, die Windmühle, der Kunstdünger, der Traktor oder das Auto im kollektiven Gedächtnis der Kulturen als die hervorragendsten Leistungen des Menschen erscheinen – die Leistungen der berechnenden Vernunft also, die sich die Natur unterwirft und dadurch erst die physische Existenz einer wachsenden Zahl von Menschen ermöglicht, sondern dass – unabhängig von kultureller Zugehörigkeit – der größte Stolz sich stets mit jenen Errungenschaften verbindet, die zu seinem physischen Leben keinerlei Beitrag leisten, sondern im Gegenteil nicht selten einen derart übermäßigen Teil des kollektiven Reichtums verschlingen, dass sie statt Nutzen sogar materiellen Schaden stiften. Angkor Wat mit seinen weitläufigen Tempelkomplexen ist steingewordenes Traumgebilde, mitten aus dem Dschungel hervorgewuchert. Die ungeheuren Anstrengungen, dieses Wunderwerk aufzubauen und zu erhalten, haben die Kräfte seiner Schöpfer am Ende überfordert und aufgezehrt. Doch nur der unverbesserliche Philister schüttelt darüber den Kopf. Wäret ihr doch besser vernünftig gewesen! Ja, das hätte gewiss geholfen, aber zu aller Zeit hat man diese Art der philiströsen Vernunft leidenschaftlich gern gegen die Verführungen von Spiel und Traum eingetauscht.

Homo ludens ist immer zugleich auch Homo somnians

Denn hier kommt die uralte Sehnsucht ins Spiel, die bleiernen Daseinszwänge zu überwinden. Je weiter diese Sehnsucht uns aus dem Alltagsleben hinauskatapultiert, desto besser. Die Touristen strömen nach Venedig, nicht weil sie sich für Wasserregulierung und Pfahlbau interessieren, sondern weil jenseits der materiellen Zwänge eine in ihrer Art einzigartige Welt der Schönheit entstand. Sie strömen nach Jaisalmer, nicht um zu erfahren wie einer Stadt in der Wüste das Überleben gelang, sondern weil der Krämergeist einer Kaufmannsstadt hier nicht weniger als eine Transsubstantiation durchlebte. Ohne dass ihnen daraus irgendein in der Bilanz nachweisbarer Nutzen erwuchs, haben diese inspirierten Krämer ihre honigfarbene Stadt mit einem wundersamen Gespinst aus steinernem Spitzenwerk überzogen und eine Traumerscheinung mitten in der Wüste erschaffen. Und ebenso strömen die Menschen in die Festsäle nach Salzburg oder Bayreuth, entfliehen in die astronomischen Weiten der Science Fiction oder verlieren sich in den noch viel weitläufigeren Regionen der Soap-Unterhaltung, nur um ihre nächtlichen Ausflüge in den Tag fortzusetzen. Der Homo ludens, den Huizinga in sämtlichen Kulturen aufspürte, schöpft seine Inspiration aus dem Traum: Er ist immer zugleich Homo somnians.

Die Kraft-und-Stoff-Apostel

Manche können es schwer ertragen, Kinder zweier Welten zu sein. Da gibt es die unnachsichtigen Verteidiger der lichten Alltagswelt, die alles, was nicht im Neonlicht der Vernunft steht, am liebsten ausmerzen wollen. Leute, welche die Traumseite, die unterirdische Hälfte des Lebens, gewaltsam aus ihrem Bewusstsein verdrängen, so als wäre sie bloße Fiktion und alberne Verirrung. Zwar wäre es ungerecht, den großen Aufklärern eine solche geistige Enge nachzusagen. Wir finden sie nicht bei Voltaire, Diderot und Rousseau und ganz gewiss nicht bei Immanuel Kant, doch sehr wohl bei ihren engstirnigen Epigonen, zu denen man in erster Linie den Baron von Holbach (1723 - 1889) rechnen muss. Dazu gehört aber ebenso Ludwig Büchner, der kleine Bruder des großen Georg Büchner, der mit seinem 1855 erschienenen Bestseller „Kraft und Stoff“ die Deutschen auf einen groben Materialismus vereidigte. Dazu gehört wohl auch Richard Dawkins mit seinem „Gotteswahn“ (2006), einem Buch, das im Einzelnen selten falsch ist, denn der Brite weiß hervorragend zu argumentieren (weit überzeugender jedenfalls als die meisten seiner entrüsteten Gegner). Doch nur der facettenreiche Humor des Autors tröstet den Leser über die Enge der hier gebotenen Weltsicht hinweg. Leute wie Dawkins wären im Recht, wenn das Leben des Menschen ausschließlich darauf gerichtet wäre, mit den besten materiellen Mitteln die beste Art einer materiell komfortablen Existenz nach wissenschaftlicher Anleitung abzusichern.

Denn wenn es nach den Scheuklappen-Rationalisten vom Schlage Büchners und Dawkins ginge, würde es nur noch die moderne Wissenschaft geben und deren durch und durch vernünftiges Dienstpersonal: Forscher, Entwickler, Ingenieure, die alle nach der Erkenntnis der Naturgesetze streben und die Möglichkeiten ihrer Anwendung erkunden. Wir würden uns in einer Welt wiederfinden, wo ausschließlich wahr oder falsch, richtig und irrig gelten. Jeder Winkel dieser Welt erscheint entweder als ausgeleuchtet oder unsere Bemühungen wären ausschließlich darauf gerichtet, den Lichtkegel des rechnenden Verstandes auch noch auf das bestehende Dunkel zu richten. In einer solchen Welt würden die Menschen nie über Pflug, Rad, Abakus, Bergbau, Windmühle, Kunstdünger und den Traktor hinausgelangen. Allein der materielle Unterbau, nicht der Traum, würde ihren geistigen „Überbau“ definieren. Welch eine Verzerrung der Wirklichkeit! Wir wissen, so ist es niemals gewesen. Immer war der Traum eine wenigstens gleichberechtigte Dimension menschlichen Lebens. Und eben deshalb wurden all jene Schöpfungen in die Welt gesetzt, welche zu den größten Kostbarkeiten menschlichen Schaffens gehören, auch wenn ihr materieller Nutzen gleich Null ist und ihr wissenschaftlicher Status nicht zu ermitteln.

Die seltsamen Verirrungen pensionierter Nobelpreisträger

Völker beginnen mit einfachen Hütten, sind sie zu Reichtum gelangt, dann erbauen sie Tempel und Kathedralen. Einzelne beginnen mit der täglichen Fron der Büro-, Fabriks- und Unternehmensarbeit, sind sie wohlhabend geworden, werden sie zu Sammlern, Hobbymalern oder wenden sich den Geheimnissen des Jenseits zu. Manchmal nimmt dieses Bestreben erstaunliche Dimensionen an. Arthur Köstler berichtete, dass Nobelpreisträger jenseits der Fünfzig zu seiner Zeit in der Royal Society for Psychic Research überdurchschnittlich stark vertreten gewesen seien, also Leute, die nach dem Vorbild des Dr. Faust ihren Geist auf das Übersinnliche richten, da ihnen die Wissenschaft die Antwort auf die letzten Fragen des Lebens verweigert. Mit Tischrücken und ähnlichen Spielereien glaubte so mancher pensionierte Physik- oder Chemieprofessor sich endlich jenen tiefsten Rätseln des Daseins zu nähern, deren Lösung er sich von seinem Fachgebiet nicht länger erhoffte.

Eine schizophrene Epoche!

Was ein elitärer Club verirrter Nobelpreisträger damals betrieb, hat sich in der westlichen Wohlstandsgesellschaft in ein Massenphänomen verwandelt. Während auf der einen Seite Computer, Weltraumstationen und die logistischen Wunderwerke unserer Epoche in akribischer Wirklichkeitsanalyse von strengsten Rationalisten hervorgebracht werden, hat sich neben ihnen – und oftmals sogar in ein und derselben Person! - ein Heer von hemmungslosen Irrationalisten formiert. Die Esoterik ist der am schnellsten wachsende Teil der Literatur und ein immer stärker beschlagnahmtes Areal des westlichen Durchschnittsgehirns. Dieses wird mittlerweile mit Astralleibern gefüttert, von obskuren Gottheiten aus dem tibetischen Totenbuch besiedelt, man lässt sich die Zukunft aus den Sternen und den Runen der eigenen Handflächen lesen. Schwarze und weiße Magie sind hoch im Schwange, alle möglichen Gurus und Schamanen zelebrieren ihre Künste der Glücksbeschwörung. Je stärker Technik und Wissenschaft die Wirklichkeit, wie sie ist, nach Invarianten durchforsten (will sagen, nach ihren von menschlichem Wollen und Wünschen unabhängigen „Gesetzen“), umso mehr scheint sich das Bedürfnis zu steigern, dieser Abhängigkeit vollständig zu entkommen und von aller Schwerkraft der Tatsachen dieser Welt befreit, sich nur noch der entfesselten Fantasie hinzugeben. Mit ihrer Hilfe will sich jeder die je eigene Kunstwelt erschaffen.

Was ist der Mensch in der Natur?

Esoterik ist traumgeborene Wirklichkeit voller Fallstricke und Verführungen. Wenn wir von unseren nächtlichen Ausflügen erwachen, den Erkundungen einer anderen Welt, dann ahnen wir, dass es eine umfassende Wirklichkeit gibt, von der wir nichts als ein winziger, oft ohnmächtiger Teil sind. In solchen Momenten der Bewusstseinshelle mag sich mancher der Frage Pascals anschließen. „Denn was schließlich ist der Mensch in der Natur? Ein Nichts im Verhältnis zum Unendlichen, ein Alles im Verhältnis zum Nichts, ein Mittleres zwischen Nichts und Allem. Unendlich weit ist er davon entfernt, die Extreme zu erfassen, Ende und Anfang der Dinge liegen für ihn in undurchdringbarem Geheimnis verborgen...“ Allen Fortschritten der modernen Wissenschaft zum Trotz hat sich an dieser Feststellung bis heute nichts Grundsätzliches geändert. Karl Popper spricht denselben Sachverhalt nur auf etwas nüchternere Weise aus: „Unsere Wissenschaft ist kein System von gesicherten Sätzen, das in stetem Fortschritt einem Zustand der Endgültigkeit zustrebt. Unsere Wissenschaft ist kein Wissen (Episteme): Weder [endgültige] Wahrheit noch Wahrscheinlichkeit kann sie erreichen.“

Da ist noch etwas ganz Anderes

Diese Grenze der Erkenntnis ist kein sonderlich befriedigender Zustand. Mindestens seit Beginn seiner bezeugten Geschichte hat der Mensch einen Gutteil seines Strebens darauf gerichtet, die weiße Leere jenseits des gesicherten Wissens mit den luftigen Gebilden seiner Fantasie auszufüllen. Er wusste immer schon, da ist etwas, das sich zu erkunden lohnt. Er wusste es aufgrund dieser nächtlichen Exkursionen in das eigene Innere, und er weiß es mit Kant, der gleich zu Beginn seiner Kritik der reinen Vernunft den Blick auf den gestirnten Himmel über uns richtet. Doch dieses mächtige Etwas, das ihn – um mit den Worten Pascals zu sprechen – wie das Ganze sein Teil umschließt, kann er immer nur in unvollständigen Metaphern, in unzulänglichen Bildern und in stammelndem Staunen fassen. Was sind die vielen Religionen anderes als die goldenen Ringe Lessings, keiner von ihnen echt und doch wiederum alle im Kern auch wieder wahr! Alle bezeugen die Realität dieser Wirklichkeit, ohne sie doch jemals anders als mit ahnungsvollen Umschreibungen zu erfassen.

Esoterik ist eine kümmerliche Entweihung des Traums

Die kollektiven Versuche, diese Ahnung in Wort, Bild und Stein abzubilden, sind durch die tätige Mitwirkung zahlloser Generationen und unzähliger Menschen ausgezeichnet. Daher sind sie zu komplexen Traumkristallen gewachsen, zu Pyramiden, gotischen Kathedralen und indischen Tempeln, in denen sich ihre Sehnsüchte, Ängste und existenziellen Gefühle auf bildhafte Art manifestieren. Sie zeichnen sich oft durch eine Schönheit aus, die auch den Ungläubigen so sehr ihrem Bann zu unterwerfen vermag, dass er zwar nicht die darin verehrten Götter wohl aber die Gottheit – eben jenes Unaussprechbare - in ihnen erlebt. Es sind kollektive Eroberungen der jenseitigen Welt und als solche stehen sie in stärkstem Gegensatz zu allem esoterischen Flitter, wo jeder sich seine eigene Überwelt aus selbstgemachten Versatzstücken und dem Treibgut fremder Kulturen nach Belieben zusammenbastelt. Esoterik fordert weder das Denken heraus, noch spricht sie den Sinn für Schönheit an oder eine bewundernswerte moralische Haltung. In der Esoterik gibt es weder Heilige noch das numinose Erschauern. Im Gegenteil, Esoterik lähmt und korrumpiert die Vernunft. Sie reduziert die Geheimnisse einer anderen Welt auf einen Verkaufsartikel, den man im nächsten Supermarkt oder auf einer der vielen Hokuspokus-Messen ersteht. Esoterik ist eine kümmerliche Entweihung des Traums. Esoterik zerstört das Wunder, weil sie daraus einen Wellness-Artikel macht. Der Homo ludens et somnians gleitet ins Delirium ab.
(31.7.2012)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen