Dienstag, 28. Oktober 2014

Ellen Brown - Wie eine auszog, die Welt das Fürchten zu lehren und dabei unverhofft auf die Wahrheit stieß

Es spricht für geistige Beweglichkeit, wenn jemand fähig ist, falsche Ansichten zu revidieren, es spricht für geistige Freiheit, wenn er das sogar im Hinblick auf die eigenen Verirrungen tut. Jahrelang hat Ellen Brown die Ungerechtigkeit des herrschenden Geldsystems angeprangert.
Ihrer Ansicht nach sei diese vor allem darauf begründet, dass 97% allen Geldes von Geschäftsbanken aus dem Nichts geschöpft werden.*1* Ein Wiener Professor, Franz Hörmann, hat diese These und viele andere Weisheiten Browns bekanntlich in seinem Buch vom „Ende des Geldes“ abgeschrieben und daraus den baldigen Untergang des Abendlandes abgeleitet (http://www.gerojenner.com/portal/gerojenner.com/Das_Ende_des_Geldes.html). Norbert Häring vom Handelsblatt scheint ebenso bei Ellen Brown in die Lehre gegangen zu sein.*2* Wie peinlich muss es für diese Herren und viele andere Vertreter der These von der Creatio ex Nihilo sein, dass deren bis dahin lautstärkste Befürworterin in ihrer jüngsten Botschaft eindeutig von ihr abgerückt ist, ja dass sie diese These sogar demonstrativ widerlegt – ohne sich dessen freilich bewusst zu sein (http://www.opednews.com/articles/Why-Do-Banks-Want-Our-Depo-by-Ellen-Brown-Banks_Public-Banking-141027-655.html).
Ellen Brown beginnt zwar auf die übliche Weise, indem sie das Dogma in gewohnter Art präsentiert (rather than banks receiving deposits when households save and then lending them out, bank lending creates deposits.) Doch gleich darauf stellt sie die naheliegende Frage, warum sich Banken, wenn sie doch das Geld für Kredite aus dem Nichts schöpfen können, gleichwohl so verzweifelt um die Spareinlagen der Kunden bemühen (why are they always scrambling to get it), ja, sich sogar genötigt sähen, vom Geldmarkt oder selbst von der Notenbank Geld zu beschaffen, falls nicht genügend Kundeneinlagen vorhanden sind, um das Volumen der Kredite abzudecken.
Auf diese in der Tat irritierende Frage erteilt uns Ellen Brown durchaus die richtige Antwort – dieselbe, die ich in meinem Artikel „Das Geld und das Nichts“ ausgeführt habe und die jedem traditionellen Banker geläufig ist. Am Ende jedes Tages müssen die Geschäftsbanken gegenüber der Notenbank ihren Saldo mit anderen Banken abgleichen. Ellen Brown hat begriffen – sie stellt es in dem genannten Botschaft sogar unmissverständlich fest - dass bei diesem Saldo die Summe ausgegebener Kredite nicht über der Summe der Einlagen liegen darf (id est der Spareinlagen, die sie zur Not, weil nur unter Verlusten, mit Mitteln des Geldmarkts oder der Notenbank ergänzt).*3*
Mit dieser späten Einsicht hebt Ellen Brown ihre ganze Buchgeldschöp­fungstheorie aus den Angeln. Wenn die Einlagen der Kunden (plusminus Geld von der Notenbank oder vom Geldmarkt) den ausgereichten Krediten entsprechen müssen, dann sind die Letzteren durch die Ersten gedeckt. Das vermeintliche Nichts, aus dem das Geld angeblich geschöpft wird, wird dann durch nichts anderes als diese Einlagen repräsentiert!
Quod erat demonstrandum: Genau das haben alle Kenner der Materie von jeher behauptet.
Ja, Ellen Brown geht in ihrer jüngsten Botschaft sogar noch einen Schritt weiter, indirekt erklärt sie sogar, warum Banken gut daran tun, vor der Vergabe von (zumindest sehr großen) Krediten sicherzustellen, dass Kundeneinlagen in ausreichendem Maße vorhanden sind. Denn Geld vom Geldmarkt oder der Notenbank kommt die Banken, wie Ellen Brown ausdrücklich betont, vergleichsweise teuer – sie würden an den Krediten dann nichts mehr verdienen.
Was bleibt nach dieser späten Korrektur der Buchgeldschöpfungstheorie durch ihre vermutlich populärste Vertreterin noch übrig? Nicht mehr als die banale Feststellung, dass der einzelne Bankangestellte viele unbedeutende Kredite (je nach Größe der Bank) auf Anhieb vergeben kann, ohne sich auf der Stelle überzeugen zu müssen, ob die Bank auch über Einlagen in entsprechender Höhe verfügt. Er schreibt also zunächst nur Ziffern auf und kreiert in diesem Sinne für eine kurze Zeit Geld. Aber die Notenbankaufsicht sorgt verlässlich dafür, dass am Ende des Tages der Saldo stimmen und nötigenfalls für einen teuren Ausgleich gesorgt werden muss. Die kurzfristige Kreation wird durch den Saldo sogleich wieder aufgehoben. Kredite müssen durch Einlagen gedeckt sein!
Mit ihren unüberlegten Thesen von den vermeintlichen 97% Geldschöpfung aus dem Nichts hat Ellen Brown viel Unheil in den Köpfen angerichtet - vor allem in dem eines blind kopierenden Professors - jetzt bleibt für die Unbelehrbaren nur noch die Geldschöpfung à la Senf zurück.*4* Ellen Brown ist ihnen entglitten, anders als ihre Gefolgschaft ist die Amerikanerin für bessere Einsichten empfänglich. Darin haben sich Amerikaner ja immer schon positiv von uns unterschieden: Sie sind pragmatisch. Will die Theorie partout nicht auf die Wirklichkeit passen, dann gibt man sie eben auf. Bei uns herrscht leider die gegenteilige Einstellung vor: Ehe wir auf eine Ideologie oder liebgewordene Theorie verzichten, opfern wir lieber die Wirklichkeit.


1 In einer umgehend erfolgten Replik stellt Ellen Brown dazu folgendes fest: Banks do create 97% of the money supply – actually over 99% of it, considering the central bank is also a bank…. You can see this just by looking at a chart of the money supply. M1, consisting of coins, dollar bills and checkbook money, is only about 10% of the M2 money supply in the US, and even less of the M3 money supply. Dieses statistische Argument wurde schon von Helmut Creutz widerlegt. Ich selbst habe einen sehr einfachen, ganz elementaren theoretischen Einwand formuliert, der sich ebenso gegen Ellen Brown wie gegen Joseph Huber richtet. Siehe Anm. 7 in http://www.gerojenner.com/portal/gerojenner.com/Das_Nichts_und_das_Geld_-_Nun_proben_auch_DER_SPIEGEL_und_Norbert_Haring_den_Aufstand_gegen_die_Vernunft.html
2 Im Gegensatz zu den Statistiken der Bundesbank fasst er unter ‚Einlagen’ die Kundeneinlagen und die Mittel zusammen, die sich eine Geschäftsbank auf dem Geldmarkt oder bei der Notenbank verschafft – genau wie Ellen Brown es macht.
3 Wie bei jedem anderen Betrieb hängt das Überleben einer Geschäftsbank davon ab, dass ihre Einnahmen über den Ausgaben liegen: Die  Zinseinnahmen, die sie bei den Kreditnehmern erzielt,  müssen über den Zinsforderungen der Sparer liegen. Die Letzeren setzen aber die entsprechenden zinstragenden Einlagen voraus - und genau das tut eben auch Ellen Brown, wenn Sie sich um eine Erklärung dafür bemüht, warum Geschäftsbanken sich so sehr um die Gelder der Sparkunden bemühen. Der Saldo der Interbankverrechnungen, über den die Notenbank wacht, soll garantieren, dass eine Bank ihre Einlagen nicht auf Kosten einer anderen vermehrt. Ellen Brown ist zwar auf der richtigen Fährte, der Tragweite ihrer eigenen Erkenntnisse ist sie sich jedoch noch nicht bewusst, wie auch Ihre unmittelbar erfolgte Replik auf meinen Aufsatz beweist.

4 Die Geldschöpfung à la Senf beruht allerdings auf einer falschen Schlussfolgerung, siehe Anmerkung 11 in http://www.gerojenner.com/portal/gerojenner.com/Das_Nichts_und_das_Geld_-_Nun_proben_auch_DER_SPIEGEL_und_Norbert_Haring_den_Aufstand_gegen_die_Vernunft.html. Die sogenannte ‚Multiple Kreditgeldschöpfung’, die auch Senf ablehnt, habe ich an anderer Stelle als logisch unhaltbar zurückgewiesen (http://www.gerojenner.com/portal/gerojenner.com/Geldschoepfung,_Zinsen,_Geld.html).

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