Donnerstag, 8. Dezember 2016

Sandra Navidi führt nach Davos auf den Olymp der kapitalistischen Super-Hubs

Eines doppelten Rekords darf die außerordentliche Frau sich rühmen. Einerseits hat Sandra Navidi es fertiggebracht, das vielleicht langweiligste Buch der Saison zu schreiben: eine Aufzählung von Personen, die sämtlich nur Schemen bleiben, eine Aneinanderreihung von Orten und Superlativen, die sich von einem Kapitel zum anderen auf ermüdende Art wiederholen. Dabei ist ihr aber andererseits etwas Einzigartiges gelungen: Sie ist bis zu den olympischen Höhen der mächtigsten und reichsten Männer vorgedrungen, dorthin, wo die restlichen neunundneunzig Prozent der Menschheit niemals gelangen. Mit anderen Worten, Sandra Navidi, entführt uns zum Olymp nach Davos, um uns mit jenen wenigen Dutzend Menschen bekanntzumachen, die den heutigen Kapitalismus und seine Hauptakteure verkörpern und das Schicksal der Welt bestimmen. Das alles ist ihr noch dazu als Frau gelungen – eine außerordentliche Leistung, denn das Antlitz des Finanzkapitalismus ist männlich, patriarchalisch und ganz überwiegend brutal.

Banalitäten als tiefschürfende Einsichten verkauft

Die wissenschaftlichen Ansprüche dieses Buches sind allerdings von vornherein als „pseudo“ zu charakterisieren, es sei denn dass man Binsenweisheiten unter die wissenschaftlichen Erkenntnisse reihen möchte. Nach der erklärten Absicht der Autorin soll uns das Buch in die Geheimnisse der „Netzwerktheorie“ einweihen. Darüber aber weiß die Autorin leider nicht mehr zu sagen – das freilich hundertfach wiederholt – als dass ein Netzwerk aus „Noden“, „Hubs“ und „Superhubs“ besteht. Die Wörter sind neu, die damit gemeinte Sache dagegen uralt, ja sogar archaisch, denn hierarchisch gegliederte Gruppen aus Gefreiten, Feldwebeln und Generälen (Fußsoldaten, Betamännchen und Alphatieren), wo der Mann an der Spitze mit seinen Entscheidungen das Handeln der unteren Hierarchie-Ebenen bestimmt, sind so alt wie die Menschheit, vermutlich sogar um einiges älter. Die Männerbünde bei den Eingeborenen von Neuguinea waren ebenso aufgebaut wie ihre Entsprechungen in Athen, Sparta und natürlich moderne Streitkräfte. Aber schon die Schimpansen scheinen eine solche Ordnung in Ansätzen zu kennen. Wenn Sandra Navidi nicht müde wird, uns in jedem Kapitel eine derartige Banalität als „Netzwerktheorie“ zu verkaufen, dann schüttelt der genervte Leser am Ende den Kopf. Das tut er allerdings schon, wenn die Autorin die „Homophilie“ dieser Männerbünde betont – ein nettes Fremdwort, das leider nicht mehr besagt, als was der Volksmund immer schon von den Dächern pfiff: „Gleich und gleich gesellt sich gern“ (Homo-philie = Liebe zum Gleichartigen).
Immerhin: Nachdenklichkeit kommt vor

An wenigen Stellen – etwa zehn von insgesamt an die dreihundert Seiten - wird das Buch von den „Super-hubs“ (den Hierarchie-Generälen) gleichwohl interessant, dort nämlich, wo sich Frau Navidi ein bescheidenes Maß an Kritik erlaubt. Nicht dass sie damit so weit gehen würde, ihren eigenen Interessen als Beraterin ernstlich zu schaden oder gar ihr gutes Einvernehmen mit den oberen Hundert – den Super-Hubs – aufs Spiel zu setzen, aber sie ist doch ehrlich genug, um beim Leser Nachdenklichkeit zu erzeugen. Es sind diese wenigen kritischen Einsichten, die ich hier referieren möchte. Sie sind bemerkenswert, weil sie von einer hoch platzierten Praktikerin stammen statt wie üblich aus dem wissenschaftlichen Elfenbeinturm.
Reichtum und Macht in ganz wenigen Händen

Zunächst lässt Frau Navidi uns wissen, dass das ganz große Geld nicht mehr aus der Realwirtschaft kommt, wo es immerhin die Belohnung für die Planung und Erzeugung realer Produkte ist, sondern in der Wirtschaft der Finanzen gescheffelt wird, also durch Verwaltung und Manipulation von Geld. Der große Reichtum entsteht, wie man es auf genauere Art ausdrücken müsste, bei der Handhabung von Symbolen, den bloßen Abbildern oder Ersatzmarken des Realen. Und innerhalb der Finanzwirtschaft selbst ist es ein ganz bestimmter Sektor, der sich als sprudelnde Reichtumsquelle erweist, nämlich Schattenbanken, welche – in meinen Worten – die „Internationale der Gläubiger“ repräsentieren, deren Interessen sie mit missionarischem Eifer betreiben:

«Schattenbank« ist ein Sammelbegriff, der alle Finanzdienstleister erfasst, die über keine Banklizenz verfügen, wie zum Beispiel Investmentbanken, Finanzdienstmakler und -händler (Broker-Dealer), Investmentfonds und Geldmarktfonds. Schattenbanken sind in der jüngeren Vergangenheit verstärkt in den Fokus gerückt, weil im Rahmen der Finanzmarktreform viele Finanzgeschäfte aus dem nunmehr wesentlich stärker regulierten Bankenbereich in die weit weniger regulierten und agileren Schattenbanken ausgewichen sind.

Schattenbanken verwalten einen Großteil des globalen Reichtums und verleihen den Generälen an ihrer Spitze nie dagewesene Macht. BlackRock, der größte Vermögensverwalter der Welt, betreut etwa 4700 Milliarden Dollar, was mehr als dem Doppelten der Marktkapitalisierung aller Dax-Konzerne zusammen entspricht. Vanguard verwaltet 3200 Milliarden Dollar, und Fidelity steht mit rund 2000 Milliarden Dollar an verwaltetem Vermögen nicht weit hintenan.
Macht geht allerdings nicht nur von Schatteninstitutionen aus, sondern natürlich auch von den Männern (und den ganz wenigen Frauen) an der Spitze offizieller Organe wie den nationalen Notenbanken, der BIZ (Bank für internationalen Zahlungsausgleich in Basel), dem IWF wie natürlich ebenso von den Männern (nebst ganz wenigen Frauen) an der Spitze der Staaten, weil diese die ökonomischen Rahmenbedingungen setzen und es daher bei ihnen liegt, die Macht der Schatteninstitutionen wesentlich zu fördern oder zu beschränken.
Privater Reichum - öffentliche Armut

Hier, bei den Vertretern offizieller Organe, stehen Macht und materielle Entlohnung allerdings in auffallendem Gegensatz zueinander. Während die Generäle an der Spitze privater Unternehmen sich in Dollars geradezu suhlen, müssen sich Staatsoberhäupter oder auch Notenbankchefs vergleichsweise mit einem Trinkgeld begnügen:

Ben Bernanke /hat/ 2013 bei der Federal Reserve ein jährliches Gehalt von knapp 200.000 Dollar erhalten. Seit seinem Ausscheiden wird ihm ein Minimum von 250.000 Dollar für eine einstündige Rede auf dem Konferenzparkett gezahlt!
Die 25 höchstbezahlten Hedgefonds-Manager verdienten 2013 insgesamt 21 Milliarden Dollar und 2014 11,6 Milliarden. 2013 führte George Soros (Vermögen 24,2 Milliarden) mit geschätzten 4 Milliarden Dollar.

Das Missverhältnis zwischen öffentlicher Armut und grellem privatem Reichtum – auf das ein großer US-amerikanischer Ökonom, John Kenneth Galbraith, schon vor einem halben Jahrhundert aufmerksam machte – hat in unserer Zeit ein in der ganzen menschlichen Geschichte unerreichtes Ausmaß erreicht:

Das kombinierte Vermögen des reichsten Prozents wird bald das Vermögen der restlichen 99 % der Weltbevölkerung überholen.
Laut einer Oxfam-Studie haben gegenwärtig 80 Menschen das gleiche Vermögen wie 3,6 Milliarden der ärmsten Menschen.

Allerdings trifft es auch zu, dass der „neoliberale Wahnsinn“, wie ihn manche nennen, den Globus insgesamt reicher machte:

Während die extreme globale Armut in den vergangenen Jahrzehnten auf den bisher niedrigsten Stand gefallen ist, hat sich demgegenüber das Gefälle zwischen Arm und Reich deutlich vergrößert.

Länder wie China, die früheren Tigerstaaten, aber auch Indien oder Teile Südamerikas sind insgesamt wohlhabender geworden. Nur in den Staaten des Westens ist es – bei nachlassendem Wachstum - zu einer rapiden Konzentration von Einkommen und Vermögen in wenigen Händen gekommen. Die Auslagerung der industriellen Basis hat einer Minderheit genützt, der Mehrheit aber geschadet.
Wie funktioniert die Bereicherung? Die anderen arbeiten lassen!

Sandra Navidi macht kein Hehl daraus, wie die Akkumulation von Vermögen zustande kommt, nämlich auf die von mir immer wieder (zuletzt in „Das Ökonomische Manifest“ beschriebenen Weise): Den Schweiß anderer Leute macht man zu eigenem Geld:

Sie /die Investoren/ können ihr Geld für sich arbeiten lassen und im Laufe der Zeit bringen ihre Investitionen eine höhere Rendite als die Wachstumsrate der Wirtschaft. Arbeitslöhne hingegen steigen nicht so schnell wie Kapitalrenditen.

Dass eine in Ersatzmarken, also in Geld, notierte vergangene Leistung überhaupt wachsen kann, ist freilich ein Wunder von theoretisch nicht zu begründender Art, denn die vergangene Leistung ist ja, eben weil sie vergangen ist, zu solchem Wachstum grundsätzlich nicht in der Lage. Eine solche Vermehrung verstößt überdies gegen das wirkmächtigste Credo der Moderne seit dem 18. Jahrhundert, wonach ausschließlich individuelle Leistung und Können zählen, während sämtliche Privilegien abgeschafft werden sollen, vornehmlich das Privileg des leistungslosen Erwerbs. Ein Recht des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft kann, so gesehen, allein darin bestehen, dass alles, was er durch eigene Leistung erwarb, ungeschmälert sein eigen bleibt, mag es sich um eine Villa, ein Grundstück oder eben auch um das Geld auf einem Bankkonto handeln. Sofern Fonds diesem Zweck dienen, also nur dem Erhalt des Erworbenen, sind sie dem Allgemeinwohl nützlich. Sie dienen ihm nicht weniger als Polizei und Justiz, die uns vor Banditen und Räubern schützen.
Tatsächlich aber haben Fonds die Latte ihres Ehrgeizes sehr viel höher gelegt: Über die bloße Erhaltung von Leistung hinaus geht es ihnen darum, leistungslose Einkommen zu generieren. Es ist, wie jeder weiß, nur einige Jahre her, da sprach Josef Ackermann von einer Eigenkapitalrendite von 25%. Viele werden das so verstanden haben, als könnte die Deutsche Bank das Geld ihrer Großanleger innerhalb eines Jahres um ein ganzes Viertel vermehren. Solche Wunder der Geldvermehrung sind ein Dorn im Fleisch der Allgemeinheit, weil sie den einen nützen und den anderen schaden.
              Es ist diese Kultur des angelsächsisch geprägten Raubrittertums, welches die Deutsche Bank um Ansehen und Weltgeltung brachte. Siehe „Aufstieg und Fall der Deutschen Bank“ (Der Spiegel 2016_43, S. 10).
Die neuen Feudalherren

Es versteht sich, dass die Kontrolle der realen Ökonomie durch einige wenige Schattengeneräle an ihrer Spitze zu einer schleichenden Entmündigung der Bürger führt, einer Aushöhlung ihrer demokratischen Selbstbestimmung und letztlich zu einer Rückkehr in ein längst überwunden geglaubtes System: den Feudalismus (diese These vertrete ich in meinem Buch „Wohlstand und Armut“). Für bemerkenswert muss man es halten, dass diese unter staatstragenden Ökonomen eher seltene Einsicht inzwischen sogar von einem der beteiligten Akteure selber vertreten wird: von dem Mega-Unternehmer, Superinvestor und Milliardär Nick Hanauer:

Nach Ansicht des Ultrakapitalisten /Nick Hanauer/ haben sich die Vereinigten Staaten von einer kapitalistischen hin zu einer feudalistischen Gesellschaft verändert.

Da überrascht es nicht, dass eine weitere enge Parallele die Schattengeneräle mit den Feudalherren früherer Zeiten vereint. Hatten die Letzteren ihre Untertanen mit Kriegen gequält und nicht selten bis aufs Blut ausgesogen, dann überkam sie – vornehmlich, wenn Alter und Gewissen sie plagte – ein dringendes Bedürfnis, Kapellen, Kirchen und Spitäler zu stiften. Das ist heute nicht anders. Gerade die rücksichtslosesten Schattenfürsten unserer Zeit werden zu „Philanthro-Kapitalisten“ und lassen sich dann als solche auch gerne noch feiern. Auf vielen Seiten ihres Buches stimmt auch Frau Navidi in diesen Freudenchor ein:

Angelsächsische Finanziers steigern die Effizienz der Philanthropie geschickt mit ihrer Geschäftstüchtigkeit, eine Strategie, die Matthew Bishop und Michael Green »Philanthro-Kapitalismus« getauft haben. Für die Wohlhabenden gehört es zum guten Ton, sich einem wohltätigen Zweck zu verpflichten und ihr Vermögen zu teilen.
So unangreifbar wie die Fürsten längst vergangener Tage

Die zunehmende Angleichung an vordemokratische Verhältnisse lässt sich weiterhin daran ablesen, dass die Fürsten der Schattenwelt so unangreifbar sind wie ihre feudalen Ahnen: Sie schulden niemandem Rechenschaft. Die Machthaber früherer Zeiten konnten zwar in blutigen Revolutionen gestürzt und abgelöst werden, doch war das ein eher seltener Fall. In der Regel vermochten ihnen weder nachgewiesene Demenz noch staatspolitischer Wahnsinn etwas anzuhaben. Nicht anders verhält es sich mit ihren Nachfolgern, den Schattenfürsten:

Es gibt nur sehr wenige Menschen, die von sich behaupten können, Milliarden-Dollar-Verluste generiert und das Finanzsystem eigenhändig an den Rand des Zusammenbruchs geführt zu haben. John Meriwether von Long Term Capital Management (LTCM) ist einer von ihnen... Nach dem Scheitern von LTCM gründete Meriwether noch zwei weitere Fonds und überraschenderweise waren  Investoren trotz seines spektakulären Scheiterns immer noch willens, ihm ihr Geld anzuvertrauen.
... Jamie Dimon /hatte/ 2012 einen Verlust von 6,2 Milliarden Dollar aufgrund risikoreicher Geschäfte eines Wertpapierhändlers zu verantworten. Obwohl ihm das Debakel sogar eine Anhörung vor dem Kongress einbrachte, wurde sein Ruf kaum angekratzt.
Blackstone /und sein Chef Schwarzman/ hat die Finanzkrise 2008 nicht nur überlebt, sondern ist sogar noch erfolgreicher geworden... auch die Abschaffung des Glass-Steagall Acts, eines Gesetzes, das Geschäfts- und Investmentbanken voneinander trennte, ist ihm zuzurechnen. Sie wird heute als einer der Hauptgründe für die Finanzkrise angesehen... Heute ist Schwarzman einer der bestvernetzten Menschen der Welt und damit ein Super-Hub.
Larry Fink ist /Mitbe-/Gründer und Chef von BlackRock, dem größten Vermögensverwalter der Welt... Er /konzipierte/ mit seinem Team die ersten verbrieften Immobilienkredite, die später zweifelhafte Berühmtheit als Auslöser der Finanzkrise erhalten sollten...

Das hat der Schattenstreitmacht und ihrem General, Larry Fink, allerdings kaum geschadet:

Nahezu das gesamte Finanzsystem trägt BlackRocks Fingerabdrücke. Die Firma investiert in und berät ein Billionenvermögen, was das Bruttoinlandsprodukt der meisten Länder übertrifft.

Denn die Herren der Schattenwelt sind praktisch immun:

Die meisten, die im Sturm der Finanzkrise 2008 von ihren Posten gefegt wurden, sind kurze Zeit später an anderer Stelle wieder aufgetaucht, häufig als CEOs, Aufsichtsräte oder hoch dotierte Berater.
Wie wird man ein Super-Hub?

In den Augen derer, die sie nicht genießen, sind Privilegien keineswegs selbstverständlich. Für eine privilegierte Schicht steht daher stets Bedarf an einer einleuchtenden Rechtfertigung für die eigenen Prärogativen. Die Feudalherren früherer Zeiten pochten auf ihre adelige Abkunft. Angeblich verschaffte ihnen diese Vorrechte, die von Gott selber verordnet wurden. Heute wird eine andere Begründung verlangt, nämlich besondere Leistung oder persönliche Exzellenz. Diese Rechtfertigung macht sich Sandra Navidi zu Eigen:

Studien haben nachgewiesen, dass Chefs in der Finanzwelt auf der Skala der Intelligenz und akademischen Fähigkeiten ganz oben rangieren. Zwischen intellektuellen Fähigkeiten und Vermögen besteht eine direkte Korrelation, die bei Milliardären besonders ausgeprägt ist. Es erscheint offensichtlich, aber jetzt haben wir den wissenschaftlichen Beweis: Größere Intelligenz erhöht die Chancen auf ein größeres Vermögen.

Das mag schon stimmen, die Autorin hätte sich in diesem Zusammenhang aber doch zwei kritische Fragen stellen sollen. Erstens, ob höhere Intelligenz einen größeren Anreiz bietet, im Sinne der Allgemeinheit (und nicht nur zum eigenen Vorteil) tätig zu sein? Und zweitens, ob Intelligenz als Eintrittsbillet in den Club der Begünstigten überhaupt reicht? Es ist ja von vornherein unwahrscheinlich, dass gerade einige Dutzend Menschen vornehmlich mit US-Staatsbürgerschaft jene Intelligenz aufweisen, die für Schattengeneräle erforderlich ist.
Das weiß auch Frau Navidi, deshalb liefert sie eine realitätsnähere Erklärung nach, indem sie die Bedeutung von Beziehungen und opportunistischer Anpassung unterstreicht:

Obwohl das Finanzsystem mittlerweile etwas gerechter geworden ist, indem es mehr Gewicht auf Leistung legt, sind Menschen mit guten Beziehungen immer noch stark im Vorteil. Unabsichtlich und vielleicht sogar ohne es zu merken schließt das »Old Boys’ Network« alle anderen alleine dadurch aus, dass es zusammenhält.
Der aussichtsreichste Weg, seine Aufstiegschancen zu erhöhen, ist es, sich so weit wie möglich anzupassen und so viele Gemeinsamkeiten mit dem bestehenden Establishment wie möglich zu entwickeln. Eine Gemeinsamkeit ist allerdings im Nachhinein sehr schwer herzustellen: Der passende sozioökonomische Hintergrund.
/Für Insider gilt / eine unumstößliche Regel: niemals andere Insider zu kritisieren. In derartigen Monokulturen sind die Menschen am erfolgreichsten, die am besten innerhalb des Systems funktionieren, und sie schließen automatisch diejenigen aus, die das System potenziell von innen heraus reformieren könnten.

George Soros zum Beispiel hätte, all seiner Intelligenz zum Trotz, in London, wo er sich anfangs vergeblich um den Einstieg als Banker bemühte, niemals zu jenem Super-Hub werden können, zu dem er sich in den Vereinigten Staaten schließlich entwickelte, denn im Vereinigten Königreich gelangt man nur über Beziehungen nach oben:

Ein Finanzier klärte ihn /Soros/ schließlich darüber auf, dass in London Jobs ausschließlich aufgrund persönlicher Beziehungen vergeben würden.

Wenn die Beziehungen und der sozioökonomische Hintergrund stimmen, dann und nur dann spielt jene Art von Intelligenz eine ausschlaggebende Rolle, wie sie die üblichen Verfahren messen – z. B. mit dem Intelligenzquotienten IQ. Es ist dies allerdings eine spezielle Art der Intelligenz, die Intelligenz von Autisten, deren Lebensinhalt, Lebenszweck und tatsächliches Können auf einen einzigen Punkt fixiert ist, worin sie dann allerdings oft erstaunliche und manchmal phänomenale Leistungen erbringen. Das stunden-, tage- und jahrelange Auswerten und Manipulieren von Zahlen auf einem Bildschirm, das ja wohl im Sinne einer umfassenden menschlichen Bildung kaum weiter führt als, sagen wir, die Sklavenarbeit in einer lichtlosen Kupfermine, schult zwar eine abstrakt logisch-mathematische Brillanz, die aber mit menschlicher Abstumpfung, wenn nicht Stumpfsinn erkauft wird, denn die Welt hinter den Zahlen, das Wohl oder Wehe jener Millionen oder Milliarden von Menschen, die sich hinter den Zahlen verbergen, kommt dabei nicht in den Blick, weil es gar nicht in den Blick kommen darf. Der aggressiven Erfolgssuche dieser Autisten würden solche Erwägungen ja nur Knüppel zwischen die Beine werfen. Wer im Schattenreich des Mammons dem Mammon dient, darf keinen anderen Gott anbeten. Das Glück der Menschen hinter den Zahlen soll er seinem Gott bedenkenlos opfern, ja, wie jeder Besessene auch noch das eigene Glück:

Die 100-Stunden-Woche ohne jegliches Selbstbestimmungsrecht oder die Möglichkeit, Grenzen zu ziehen, /fordert/ ihren Tribut. In der Finanzwelt zu arbeiten, ist ein Lebensstil, eine Alles-Oder-Nichts-Kultur, bei der man entweder die Spielregeln akzeptiert ... oder rausfliegt.
Viele Menschen sind mit Mitte Vierzig ausgebrannt und verlassen den Finanzbereich, und speziell das Investmentbanking.
Wenn Banker sagen »9-5 Uhr«, dann meinen sie natürlich nicht 5:00 Uhr am Nachmittag, sondern 5:00 Uhr am nächsten Morgen.
Die Selbstmordrate unter Topbankern im Nachgang der Finanzkrise verzeichnete einen deutlichen Anstieg. Statistisch gesehen ist die Gefahr für einen Banker, Selbstmord zu begehen, 39 Prozent höher als beim Rest der erwerbstätigen Bevölkerung.

Die exorbitant hohen Vergütungen, die sich die finanzielle Schattenwelt aufgrund ihres Mammondienstes und der damit einhergehenden Opfer zugesteht, werden von Frau Navidi durchaus kritisch gesehen:

Während der Finanzsektor argumentiert, die enorm hohen Vergütungen seien ein Ergebnis des Wettbewerbs, legt das National Bureau of Economic Research (NBER) demgegenüber nahe, dass es vielmehr das Ergebnis einer Ansteckung sei, weil Aufsichtsräte von den Vergütungspaketen, die andere Firmen gewähren, beeinflusst seien. Heute erscheinen solche Vergütungen weniger wie ein Entgelt für erbrachte Dienstleistungen, sondern eher wie eine Art Siegesprämie.
/So/ besteht die vielleicht größte Begabung der Topbanker darin, den Rest der Menschheit davon zu überzeugen, dass sie die an sie gezahlten Millionen tatsächlich wert sind.

Die Drehtür: Von der Finanz zur Politik und umgekehrt

Politiker legen die Regeln fest, denen das ökonomische System folgen soll. Im Idealfall richten sie sich dabei nach den Interessen der Bevölkerungsmehrheit, im schlechtesten Fall und inzwischen wohl eher gängigen Fall nach den Interessen der neuen Geldaristokratie, die ihnen Wahlen und Wahlgeschenke finanziert. Wie sehr die zweite Alternative bereits Wirklichkeit ist, wird von Frau Navidi deutlich genug ausgesprochen:

/Es wird argumentiert/, dass das Erkaufen von Einfluss in einer Demokratie an legalisierte Korruption grenze; der finanziell potente Finanzsektor würde in diesem System stets zulasten der Allgemeinheit obsiegen.

Denn:

Die Chefs von Finanzinstitutionen haben Finanzmacht, Politiker regulatorische Macht und Finanzinstitutionen finanzieren Politiker.
Wie Bill Moyers treffend formulierte, gibt es zwischen der Regierung und Big Money im Privatsektor eine Drehtür, die sich so schnell dreht, dass Politik und Hochfinanz wie durch eine Elementarkraft zusammengeschleudert werden.
Der Einfluss von Wall-Street-Lobbyisten geht... so weit, dass sie Politikern selbstverfasste Gesetzesvorlagen unterbreiten, und Politiker, die diese unterstützen, erhalten typischerweise höhere Spendenbeiträge als solche, die dies nicht tun.
Die Goldmänner von »Government Sachs« (die »Sachs-Regierung«) sind praktisch überall in Positionen von Macht und Einfluss vertreten, da die Bank gerne hochrangige Vertreter des öffentlichen Sektors einstellt und Goldman-Leute oft in öffentliche Ämter wechseln /zum Beispiel Mario Draghi/.
Interessenkonflikte werden durch die berüchtigte Drehtür noch verschärft. Viele Zentralbanker haben nach Ende ihrer Dienstzeit einen Job in der Finanzindustrie angenommen.
Die deutsche Regierung wurde stark dafür kritisiert, dass sie Goldman-Sachs-Vertretern während der Finanzkrise hochrangigen Zutritt und eine vermeintliche Vorzugsbehandlung gewährt hatte.
»Regulatorische Geiselhaft« bedeutet, dass Politiker und Gesetzgeber von denen, die sie regulieren und überwachen sollen, zu sehr beeinflusst werden.
Die Folgen: Globale Brandbeschleunigung

Auf der Wikipedia-Seite, die mich als Wirtschaftsautor präsentiert, heißt es: „Während /Jenner/ in der Globalisierung des Wissens einen bedeutenden Fortschritt erblickt, ist er ein scharfer Kritiker jener Globalisierung der Finanz- und Warenströme, durch die beliebige Verwerfungen und Zusammenbrüche an bestimmten Punkten der Erde zur Gefahr für den ganzen Globus werden.“ Genau darin erblickt auch Sandra Navidi eine große Gefahr:

Das Gerücht, Lehman würde das nächste Bear Stearns werden und ebenfalls pleitegehen, löste eine sich selbst erfüllende Prophezeiung aus, da Anleger aufgrund dieser Information »die Bank stürmten«, woraufhin der Aktienkurs in den Keller fiel und das Unternehmen bankrott ging. Heute sind Gerüchte aufgrund der zahllosen verfügbaren Kommunikationskanäle und der schnelleren technischen Übertragungsgeschwindigkeit noch viel verbreiteter als jemals zuvor.
Superhubs haben zwar Kontrolle über ihre eigenen Handlungen, aber sie haben keine Kontrolle über den Ansteckungseffekt und seine Folgen, und es gibt kaum sogenannte Circuit Breakers, »Stromkreisunterbrecher«, in diesem System.
Zu viele Verbindungen destabilisieren das System aber, weil eine zu hohe Verlinkungsdichte zu viele Korridore schafft, über die sich Defekte rasch und widerstandslos im System ausbreiten können.

Die Staaten können zu ihrem Schutz daher nichts Besseres tun, als sich gegen eine zu umfassende Kontrolle durch Mega-Fonds zu wehren; eine zu starke hierarchische Vernetzung, vervielfältigt die Gefahr, dass jedes kleine Feuer sich gleich zu einem Weltbrand ausweitet:

Dies /die außerordentlich gestiegene Anfälligkeit/ verdeutlicht im Umkehrschluss, dass ein Netzwerk mit weniger vernetzten Noden widerstandsfähiger ist, da das Scheitern einzelner Noden schneller in einer Sackgasse endet.

Oder quasi-feudale Erstickung?

Generell gilt: Eine über die Bedürfnisse der realen Wirtschaft hinaus aufgeblähte Finanzwirtschaft verschafft nur Letzterer selbst einen Vorteil, während Erstere, die Realwirtschaft, in zunehmendem Maße geschädigt wird:

Finanzdienstleistungen tragen aber nur bis zu einem bestimmten Punkt zum Wirtschaftswachstum bei. Wenn dieser Punkt erreicht ist, dreht sich der Trend, denn je größer der Anteil von Finanzdienstleistungen am Bruttoinlandsprodukt wird, desto mehr lassen Investitionen in die Realwirtschaft nach. Als Konsequenz hat sich die Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft abgekoppelt, und während die Wall Street immer reicher wurde, wurden alle anderen immer ärmer.

Auf die Weltwirtschaft, zumindest auf deren westlichen Teil, kommt aber noch eine weitere Bedrohung zu, die sich als noch hinterhältiger erweisen könnte. Da die Eigentumsrechte von immer mehr Unternehmen von immer weniger Super-Fonds verwaltet werden, kommt es mit zunehmender Häufigkeit dazu, dass konkurrierende Konzerne ein und demselben Fonds zugehören. Es versteht sich, dass dieser dann kein Interesse mehr daran hat, dass die ehemaligen Konkurrenten einander weiterhin im Wettbewerb unterbieten, denn das wäre im Prinzip nicht anders, als wenn die Filialen ein und desselben Unternehmens einen Preiskampf gegeneinander führen.
            Diese Einstellung läuft dann allerdings auf einen grundlegenden Umbau des jetzigen Wirtschaftssystems hinaus, weil das Fundament der Marktgesellschaft unterminiert wird. Nur ein funktionierender Wettbewerb schützt die Allgemeinheit vor monopolartigen Preisen. Ohne den Wettbewerb verfolgen Unternehmen wie zu Zeiten der Feudalregime einzig den Zweck, den Feudalherren – in diesem Fall den Generälen der Schattenwirtschaft und deren Mitarbeitern - ein gesichertes Einkommen zu verschaffen. Die Allgemeinheit dient dann nur noch als Kuh, die von den Raubrittern immer ungenierter gemolken wird.
             Diese Entwicklung wurde empirisch bereits nachgewiesen, und zwar in Untersuchungen an den Preisen für amerikanische Flugticketpreise zwischen den Jahren 2001 bis 2015. Es zeigte sich, dass diese aufgrund überlappender Anteilseigner um bis zu 10 Prozent höher ausfielen, als bei intaktem Wettbewerb zu erwarten gewesen wäre. Auf diesen Aspekt haben zwei US-amerikanische Ökonomen, Axel Ockenfels und Martin Schmalz in jüngster Zeit hingewiesen (http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/fondsgesellschaften-schaden-dem-wettbewerb-14361696.html).


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