Dienstag, 24. Januar 2017

Ludwig Edler von Mises und die Monetative – wie Irrtümer sich vererben

kürzlich habe ich mir einen kleinen, begrüßenswert klar geschriebenen Text „Geld – eine Einführung“ von Herrn Eberhard Gamm angesehen, einem Mitglied der propagandistisch recht regen sogenannten Monetative. Intellektuell hat der Text ein ungleich höheres Niveau als die gedanklich unausgegorene und plagiatorische Schrift des Herrn Prof. Hörmann vom vermeintlichen „Ende des Geldes“. Dieser Unterschied in der Schärfe und der Redlichkeit des Denkens mag darauf begründet sein, dass Herr Gamm bei seinen Ausführungen einen Großen zu Rate zieht, nämlich den austro-amerikanischen Wirtschafts- und Finanzwissenschaftler Ludwig von Mises.


Herr Gamm beginnt seine Überlegungen gleich mit einem Paukenschlag:

Bankrun! Die Banken sind pleite. Das Geld ist weg. Wie das?
Das ist nur möglich, weil auf den GiroKonten der Banken mehr Geld vorhanden ist, als in bar auf die Konten eingezahlt wurde.

Im ersten Augenblick entringt sich dem Leser ein zustimmendes Aha! Erst im zweiten wird er sich bewusst, dass diese Behauptung logisch keineswegs zwingend ist, sondern Herr Gamm eine zweite Möglichkeit schlicht unterschlagen hat. Wenn nämlich, wie gegenwärtig der Fall, nur eine Reservehaltung von 1% zur Pflicht gemacht wird, dann können sie 99% verleihen. In diesem Fall ist Geld bei einem Bankrun natürlich ebenso wenig abrufbar wie alle anderen als Kredit vergebenen Gelder. Es ist festzustellen, dass nahezu sämtliche Folgerungen, die Herr Gamm dann im Weiteren zieht, hinfällig werden, wenn statt der ersten die von ihm unterschlagene zweite Alternative in Frage kommt.

Ludwig von Mises

Um zu zeigen, dass Herr Gamm sich mit dieser Unterschlagung auch von Ludwig von Mises entfernt, den er gerne als Autorität zitiert, möchte ich mich jetzt diesem Wirtschaftsfachmann selbst zuwenden, da er unbestreitbar ein gerüttelt Maß Schuld an den Irrtümern der Monetative trägt.

Von Mises unterscheidet zwischen „Sachgeld“ (Gold, Silber etc.) und „Zeichengeld“ (bedrucktes Papier, seien es nun DM und Dollar oder die entsprechenden Giraldgeldeinträge auf einem Konto; heute wäre noch das Digitalgeld hinzuzufügen). (1912:61).

Beim Zeichengeld trifft er eine weitere wichtige Unterscheidung. Als „Geldzertifikate“ bezeichnet er alles „Zeichengeld“, welches durch Gold (oder Silber etc.) gedeckt ist, während alles Zeichengeld ohne eine derartige Deckung von ihm „Umlaufmittel“ genannt wird. Wie von Mises an anderer Stelle ausdrücklich feststellt (369), sind Umlaufmittel für ihn aus dem Nichts geschöpfte Valuta, welche Geschäftsbanken aber an Kreditnehmer ebenso weitergeben wie Geldzertifikate, also genauso, als wären sie wie diese mit realen Werten (Gold oder Silber) besichert.

Der florentinische Goldschmied

Durch nichts lässt sich der Unterschied von besichertem zu unbesichertem Zeichengeld so gut illustrieren wie durch die historische Realität, denn, wie von Mises selbst betont, ist das ungedeckte Zeichengeld auf dem Boden des Depositenwesens entstanden (322, 335). Möglicherweise sind Goldschmiede in Florenz die ersten gewesen, welche für die ihnen zur Aufbewahrung überlassenen Goldbarren reicher Kunden „Geldzertifikate“ (also eine Art von Quittungen) ausgestellt haben. Die Kunden bemerkten freilich sehr schnell, dass mit diesen viel bequemer Handel zu treiben war als mit den unhandlichen und schwer teilbaren Barren. Daher waren die Zertifikate in kurzer Zeit viel begehrter als der reale Stoff in den Kellern, der ihrer Deckung diente. Dieser wurde daher auch nur selten für die Quittungen wieder eingelöst. Gewöhnlich schlummerten die Barren unberührt in den Kellern.

Das wiederum konnte den findigen Goldschmieden nicht entgehen. Sie verfielen auf den naheliegenden Trick, der Nachfrage ihrerseits nachzuhelfen, indem sie solche Zertifikate auch dann noch ausfertigten und – gegen entsprechende materielle Vergünstigungen - in Umlauf brachten, wenn sie dafür kein Gold entgegengenommen hatten. Die Zertifikate lauteten dann zwar weiterhin auf Gold, mit anderen Worten, sie erweckten immer noch den Anschein, durch Gold gedeckt und in Gold einlösbar zu sein, in Wahrheit traf das aber nur noch in wenigen Fällen tatsächlich zu.

Hier war also, um mit von Mises zu sprechen, ein Zeichengeld entstanden, das nur noch „Umlaufmittel“ war und, wie es schien, aus dem Nichts geschaffen. Der Goldschmied hatte sich in einen Betrüger verwandelt. Diese Formulierung ist bei von Mises allerdings nicht zu finden, und zwar hat er dafür auch einen Grund. Er hält die Entstehung von Umlaufmitteln, also von ungesichertem Zeichengeld, für schlechterdings unausweichlich: „Das Verbot, Noten ohne volle Bedeckung auszugeben und Depositen, welche als Grundlage für Scheck- und Giroverkehr dienen, auszuleihen, /wäre/ ... gleichbedeutend mit der nahezu vollständigen Unterdrückung der Notenausgabe und des Scheck- und Girowesens“ (392).

Ist von Mises damit im Recht? Ist das neue Geld aus dem Nichts geschaffen?

Nehmen wir an, dass der Goldschmied seine Tätigkeit nicht als Privatmann ausführt hätte, der nur an den eigenen Säckel denkt, sondern dass er sie im Namen und Auftrag der Republik Florenz betrieb, um den steigenden Bedarf nach dem „Zeichengeld“ zu befriedigen. Nehmen wir ferner an, dass diese neue Institution den Namen „Notenbank“ tragen würde. Da der Vorrat an Gold damals wie heute begrenzt ist, würde die Ausgabe von echtem goldgedeckten Zeichengeld, also von „Geldzertifikaten“, schnell an unüberwindbare Grenzen stoßen, deswegen beginnt die Notenbank sehr schnell damit, einen anderen Weg einzuschlagen. Statt nach Gold für ihre Zertifikate zu fragen, beginnt sie damit, äquivalente Realwerte (in verbriefter Form) entgegenzunehmen.

Bleiben wir bei dem Beispiel Florenz, um die Sache etwas anschaulicher zu machen. Die Stadt war damals in ganz Europa für ihre Textilerzeugung berühmt. Mancher Kaufmann musste da auf den Gedanken kommen, neue Produktionsstätten zu gründen. Er besitzt zwar ein großes Vermögen, bestehend aus Palazzi, Grundstücken etc., aber damit könnte er weder die einzustellenden Arbeiter bezahlen noch die nötigen Maschinen einkaufen. Was er braucht, ist das neue Zeichengeld, das eine nahezu beliebige Stückelung erlaubt (einen Realwert wie den Palazzo kann man nicht stückeln). Also bietet er der Notenbank einen solchen Realwert an, z.B. seinen Palazzo (in Form eines Wertpapiers), und nimmt dafür das so dringend benötigte Zeichengeld entgegen – heute wären das Euro, Dollar etc.

Hat in diesem Fall eine Schöpfung von Zeichengeld aus dem Nichts stattgefunden, nur weil kein Gold hinterlegt worden ist?

Keineswegs. Das neu entstandene Notengeld ist zwar nicht länger durch Gold, aber es ist durch äquivalente volkswirtschaftliche Leistung besichert (in diesem Fall eben ein Wertpapier, das den Palazzo repräsentiert).

Von Mises widerspricht sich selbst

Von Mises macht kein Geheimnis aus diesem Vorgang. Er beschreibt, wie die Notenbank verbriefte volkswirtschaftliche Leistung in Gestalt von „Warenwechseln“ entgegennimmt und dem Empfänger, einer Geschäftsbank, dafür Zeichengeld aushändigt (371).

Von Mises sieht allerdings nicht, dass er sich selbst widerspricht, wenn er den Vorgang dieser Zeichengelderzeugung als Schöpfung aus dem Nichts bezeichnet. Wer könnte allen Ernstes bezweifeln, dass eine dem Goldwert äquivalente volkswirtschaftliche Leistung ein vollgültiger Goldersatz ist und damit eben auch etwas radikal anderes als das Nichts?

Wie gesagt, von Mises hat diesen Widerspruch übersehen. Er würde deshalb auch nicht verstehen, dass unser gegenwärtiges Zeichengeld (Euros, Dollar etc.) zwar nicht mehr durch Gold gedeckt ist, aber eben durch etwas Gleichwertiges, äquivalente volkswirtschaftliche Leistung. Im Gegensatz zu von Mises haben andere diesen Punkt sehr wohl begriffen und explizit hervorgehoben (z.B. Gesell, der späte John-Maynard Keynes, Heinsohn und Steiger, Helmut Creutz).

Die amerikanische Leitwährung und das Beispiel Florenz

Es ist bemerkenswert, dass es in unserer Zeit eine exakte Parallele für den Fall des florentinischen Kaufmanns gibt, der Riesengeschäfte macht, weil seine Mitbürger so versessen darauf sind, ihm auf Gold lautende Zertifikate aus der Hand zu reißen. Das gleiche Riesengeschäft machen nämlich gegenwärtig die Amerikaner mit ihrer Weltleitwährung, dessen Vormachtstellung sie aus genau diesem Grund mit allen Mitteln verteidigen. Gerade die Nationen mit dem größten Handelsvolumen sind nämlich existentiell auf ein international gängige Zeichengeld angewiesen. Die Chinesen etwa beliefern Amerika Jahr für Jahr mit ganzen Schiffsflotten voller Waren, nur um dafür Dollar entgegenzunehmen, d.h. sie liefern Leistung im Gegenzug für bedrucktes Papier, und tatsächlich nur dafür, denn in dem Augenblick, wo sie dieses Papier bei den Amerikanern wieder in dort erzeugte Güter zurücktauschen würden (was dem normalen zwischenstaatlichen Handel entspricht) steht ihnen das begehrte Transaktionsmittel, der Dollar, ja nicht mehr zur Verfügung.

Der Ökonom Barry Eichengreen von der Berkeley Universität wies 2011 darauf hin, dass die USA aufgrund des Leitwährungsstatus des Dollars jährlich Warengeschenke von etwa 500 Milliarden Dollar anhäufen konnten. Das entspricht einem jährlichen wirtschaftlichen Nutzen von ganzen drei Prozent des amerikanischen Volkseinkommens. Man stelle sich vor, Deutschland würde Jahr für Jahr um den mittlerweile ja schon phantastischen Wert von drei Prozent wachsen, nur weil es den Markt mit an und für sich wertlosem Papier beliefert!

Eine Besicherung der Banknoten, also der Dollar, ist zwar auch in diesem Fall gegeben, nämlich in Gestalt der Waren, d.h. der volkswirtschaftlichen Leistung, welche China und andere Staaten den USA für das empfangene Zeichengeld liefern müssen. Doch anders als bei einer Notenbank wird diese Leistung nicht als Pfand hinterlegt, so dass es möglich bleibt, den Vorgang jederzeit umzukehren und das Pfand gegen die  Dollars zurückzutauschen. Solange die USA die weltgrößte Militärmacht bleibt, werden sie dafür sorgen, dass das auch so bleibt, d.h. dass die Geschenke für immer Geschenke bleiben.

Ebenso unrichtig: die grenzenlose Vermehrung des Zeichengeldes

Jede Leitwährung, sei sie Pfund, Dollar oder künftig wohl der chinesische Yuan, bildet ihrem Wesen nach einen Sonderfall; die Regel besteht dagegen in der Besicherung der ausgegebenen Währung mit Hilfe von Pfändern, welche Geschäftsbanken bei der Notenbank hinterlegen. Da, wie wir sahen, von Mises in diesem Punkt widersprüchliche Ansichten vertritt, verfällt er einem weiteren Irrtum. Es stimmt einfach nicht, wenn er an mehreren Stellen die Behauptung aufstellt, dass sich das Zeichengeld – eben weil aus dem Nichts geschöpft – ins Grenzenlose vermehren lasse (369, 375, 402, 436). Das kann nicht stimmen, weil die im Gegenzug benötigte äquivalente volkswirtschaftliche Leistung ebenso wenig grenzenloser Vermehrung fähig ist wie früher einmal das Gold.

Schon zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seines Buches (1912) konnte dem Ökonomen kaum entgehen, dass Gold als Deckung des Zeichengeldes eine immer geringere Rolle spielte, aber natürlich war damals noch nicht vorauszusehen, dass man es in unserer Zeit zu diesem Zweck überhaupt nicht länger benötigt, weil die Deckung des von der Notenbank ausgegebenen Zeichengeldes inzwischen eben nur noch über die volkswirtschaftliche Leistung erfolgt, die in Form von Wertpapieren bei ihr deponiert wird.

Es trifft also längst nicht mehr zu, was von Mises zu seiner Zeit noch behaupten konnte: „Ein Notenumlauf [d.h. Zeichengeld in der Form von Reichsmark] oder ein Kassenführungsguthabenumlauf [d.h. Zeichengeld in der Form von Giraldgeld], von dem auch nicht ein Bruchteil in Geld [Gold, Silber] gedeckt ist, der also zur Gänze den Charakter von [ungedeckten] Umlaufsmitteln tragt, ist auch unter den heutigen Verhältnissen praktisch unmöglich“ (401).

Eben doch: Der Euro ist genau in diesem Sinne ganz ungedeckt, aber gleichwohl durch volkswirtschaftliche Leistung besichert. Das könnte sich freilich ändern und ändert sich gerade gegenwärtig, seitdem die EZB auch Schrottpapiere zur Besicherung zulässt...

Gegen den Zusammenbruch der Realwirtschaft gibt es kein monetäres Rezept – auch kein monetatives!

Jede Volkswirtschaft kann unter bestimmten Umständen zusammenbrechen, zum Beispiel aufgrund eines alles verwüstenden Erbebens, eines ebenso verheerenden Krieges usw. In diesem Fall würde das vorhandene Zeichengeld nicht länger in einer für das Überleben relevanten Weise besichert sein: weder durch Gold noch durch eine unter solchen Bedingungen ja weitgehend zerstörte volkswirtschaftliche Leistung.

Würde es in diesem Fall etwas nützen, den Vorschlag der Monetative auf das Zeichengeld anzuwenden, indem man dieses, bevor es zu einem solchen Zusammenbruch kommt, durch ein Vollgeld gemäß Joseph Huber ersetzt, also ein durch Gold, Banknoten oder wie auch immer besichertes Geld? Offenbar nicht, denn Gold oder Banknoten kann man nicht essen (ich diskutiere hier natürlich den Fall eines isolierten Staates, schließe also die Möglichkeit aus, dass man mit dem Gold über die Grenze geht, um es in einem anderen Staat auszugeben). Gegen einen solchen Zusammenbruch kann es keine monetäre Absicherung geben.

Boom und Bust

Die Unmöglichkeit einer echten Absicherung gilt auch für die Phasen von Boom und Bust. Von Mises hat sich diesem Problem in aller Deutlichkeit auf den Seiten 448 – 452 zugewendet. Ihm zufolge sind Katastrophen grundsätzlich unabwendbar, da man ihnen mit geldpolitischen Maßnahmen allein nicht beikommen kann. Das leuchtet ein, denn tatsächlich haben wir es ja bei Boom und Bust mit einem in erster Linie außermonetären Problem zu tun. Wollen alle Leute auf einmal Immobilien kaufen oder nehmen sie plötzlich Unmengen von Krediten auf, um Aktien zu erwerben, dann entspringt ein solches Verhalten derselben außermonetären psychischen Quelle wie der Run auf Gold-, Silber- oder Diamantenminen. In vielen Fällen ist es nur eine Frage der Zeit, bis der anfängliche Boom in einen krachenden Bust umschlägt.

Wenn die Vertreter der Monetative behaupten, gegen dieses allgemein menschliche Phänomen mit einer monetären Zauberformel angehen zu können, z.B. durch die Ersetzung von ungedecktem durch gedecktes Geld, dann ist das genauso unrealistisch wie in dem zuvor besprochenen Fall eines volkswirtschaftlichen Zusammenbruchs.

Schuldgeld – ein Missverständnis

In diesem Zusammenhang ist auch ein Begriff zu kritisieren, der, so weit ich sehe, bei von Mises selbst nicht erscheint, dafür aber eine umso größere Rolle in der Theorie der Monetative spielt. Dort wird behauptet, alles im Umlauf befindliche Geld entstehe durch Schuld, sei in diesem Sinne also als ein „Schuldgeld“ zu betrachten. Die Begründung wird offenbar aus dem Umstand abgeleitet, dass der Handel mit der Notenbank, von der die Geschäftsbanken „Zeichengeld gegen verbriefte volkswirtschaftliche Leistung“ erhalten, noch ein weiteres Merkmal besitzt: Die Geschäftsbanken müssen für das überlassene Zeichengeld Zinsen entrichten.

Im normalen Kreditgeschäft trete ich der Bank tatsächlich als Schuldner gegenüber und bezahle meine Schuld mit einem Aufschlag auf das entliehene Geld, der als Zins bezeichnet wird. Aber gilt das auch bei der Entstehung des Zeichengeldes, also dann, wenn die Notenbank einer Geschäftsbank dieses Zeichengeld (Euro, Dollar etc.) gegen verbriefte volkswirtschaftliche Leistung überlässt?

Von Mises vertritt in diesem Punkt eine eindeutige Position: Den Vergleich der Zeichengeldgenese mit einem Kredit lehnt er ab – wie ich meine, zu Recht. Das geht eindeutig daraus hervor, dass er drei Arten von Geld unterscheidet: Sachgeld (wie Gold, Silber etc.), Zeichengeld (wie Banknoten und Giralgeld) und Kreditgeld, das eine Forderung ist. Zeichengeld ist demnach für ihn keine Forderung und kann daher auch nicht als Kredit- oder Schuldgeld gelten (61).

In „Wohlstand und Armut“ (2013:130) habe ich diesen Gegensatz zusätzlich mit dem Nachweis vertieft, dass die Bezeichnung als Zins ganz daneben zielt, wenn man sie auf die Gebühren anwendet, mit denen die Notenbank das von ihr ausgegebene Banknotengeld belastet. Diese Bezeichnung beruht auf einem Missverständnis des zugrundeliegenden Vorgangs. Richtigerweise sollte man von „Steuerungsgebühren“ reden, weil die Notenbank damit den Zweck verfolgt, die Quantität der Zeichengeldausgabe zu steuern, ja, in Zeiten der Inflation überflüssiges Zeichengeld auch wieder aus dem Kreislauf zurückzusaugen, indem sie die Steuerungsgebühr entsprechend erhöht (wie bei von Mises auf Seite 374 beschrieben).

Die quantitative Steuerung der Geldmenge ist bis heute allerdings nur in Grenzen erfolgreich. Zwar gibt es den sogenannten repräsentativen Warenkorb, womit man die Preisstabilität überprüft (ein Verfahren dem von Mises damals noch keine Chance gab (486)), aber Geldhortungen von bedeutendem Umfang machen eine verlässliche Kontrolle der Geldmenge im herrschenden System außersehr schwierig, wenn nicht unmöglich.

In diesem Zusammenhang kommt es allerdings nur auf die Schlussfolgerung an. Die Bezeichnung des heute umlaufenden Zeichengeldes als „Schuldgeld“ ist nicht aufrechtzuerhalten, da in Wirklichkeit nur dem Worte nach „Zinsen“ erhoben werden, der Sache nach aber etwas ganz anderes, nämlich Steuerungsgebühren. Das alles habe ich in Wohlstand und Armut ausführlich erörtert.

Giralgeld

Die Entstehung des Giralgelds – neben dem Papiergeld eine weitere Form des „Zeichengeldes“ – führt uns in gewissem Sinne wieder zurück nach Florenz, verdankt dieses Geld seinen Ursprung doch demselben Bedürfnis nach Vereinfachung des Zahlungsverkehrs, das damals die Ablösung von Gold durch „Geldzertifikate“ und „Umlaufmittel“ zur Folge hatte. Wie von Mises es in bündiger Kürze sagt: „Im Großverkehre sind Scheck- und Girozahlung technisch den Noten vielfach überlegen“ (336).

Beide gleichen sich noch in einer weiteren Hinsicht, die von Mises gleichermaßen betont: „Es ist für die volkswirtschaftliche Betrachtung vollkommen gleichgültig, ob die Bank einen Wechsel durch Ausbezahlung der Valuta in Noten oder durch Gutschrift auf Girokonto eskomptiert“ (373).

Nun tritt bei dem austro-amerikanischen Volkswirtschaftler allerdings gleich wieder derselbe Irrtum zu Tage, dessen er sich schon vorher schuldig machte, als er die Entstehung des Zeichengelds in Gestalt von Banknoten beschrieb. Ganz genauso wie von Mises nicht sah, dass Banknoten der Golddeckung nicht bedürfen, wenn ihre Besicherung durch eine äquivalente volkswirtschaftliche Leistung erfolgt, genauso wenig geriet ihm in Hinsicht auf das Giralgeld in den Blick, dass dieses Zeichengeld der Deckung durch Gold genauso wenig bedarf, vorausgesetzt dass man es durch volkswirtschaftliche Leistung besichert.

Man beachte: In dem zuletzt genannten Zitat erwähnt von Mises ausdrücklich, dass sich die Geschäftsbanken sowohl Banknoten wie Giralgeld, also Zeichengeld in der einen oder anderen Form, durch die Eskomptierung von Wechseln von der Notenbank verschaffen - und trotzdem versäumt er es, den allein richtigen Schluss aus dieser Tatsache zu ziehen, nämlich dass eben auch im Fall des Giralgelds eine Deckung sehr wohl gegeben ist, aber eben durch die in den Wechseln verkörperte volkswirtschaftliche Leistung.

Die Menge des Giralgeldes im Verhältnis zu Banknoten ist durchaus kein Beleg für dessen vermeintliche Schöpfung aus dem Nichts.

Wenn das so ist, dann besagt die Menge des Zeichengeldes natürlich gar nichts über dessen Absicherung, die, wie gesagt, gleichermaßen durch Gold wie durch eine äquivalente volkswirtschaftliche Leistung zu erfolgen vermag. Die Tatsache, dass schon 1912, also zu jenem Zeitpunkt, als von Mises sein Buch veröffentlichte, die Menge der zur Deckung vorhandenen Goldreserven viel kleiner war, als der Gesamtwert umlaufender Banknoten, besagte demnach gar nichts über die Besicherung Letzterer; sie besagte nur etwas über die damaligen Zahlungsgewohnheiten. Man zog die Verwendung von Banknoten der von Gold bzw. Warenwechseln vor (den Grund dafür benennt von Mises auf Seite 371).

Genauso wenig sagt aber auch die Tatsache, dass Giralgeld den Gebrauch von Banknoten immer stärker verdrängt - dass also das eine in weit größerem Maße als das andere vorhanden ist -, etwas über die Absicherung des Giralgeldes aus. Das veränderte Mengenverhältnis beleuchtet wieder nur die veränderten Zahlungsgewohnheiten.

Denn auch das Giralgeld gelangt in einer intakten Volkswirtschaft (siehe unten) nur in besicherter Form in Verkehr – als entsprechender Kontoeintrag nach Einzahlung von Banknoten bei einer Geschäftsbank. Diese ursprünglich eingezahlten Banknoten repräsentieren die volkswirtschaftliche Leistung, die auf das Giralgeld übertragen wird. Somit spiegelt dieser Vorgang auf der Ebene einer Geschäftsbank exakt den Hergang, der zuvor auf der Ebene der Notenbank stattfand, als dort Banknoten im Gegenzug für die Einreichung von Wertpapieren (Wechseln etc.) kreiert worden sind.

Bei veränderten Zahlungsgewohnheiten versteht es sich allerdings, dass die Geschäftsbanken alle Banknoten an die Notenbank zurücktransferieren, für die bei ihnen selbst und ihren Kunden keine weitere Verwendung besteht. Andernfalls müssten sie ja für einen toten Ballast weiterhin Steuerungsgebühren an die Notenbank zahlen und diese Last an ihre Kunden weiterreichen. Es kann also durchaus geschehen – und einige Staaten sind diesem Stadium schon sehr nahe -, dass irgendwann statt Banknoten nur noch Giralgeld im Umlauf ist. Über deren Besicherung ist damit aber absolut gar nichts gesagt.

Bankenpleiten

Was die Zusammenbrüche von Bankinstituten betrifft, so haben jene, welche die Theorie von der Geldschöpfung aus dem Nichts verfechten, immer die größte Mühe, sie zu begründen. Sie müssen sich winden und drücken, um den Kollaps von Banken überhaupt als Möglichkeit zuzulassen. Wie kann es denn dazu kommen, wenn es den Instituten auf dem Wege einer wundersamen Geldschöpfung aus dem Nichts doch eigentlich möglich sein soll, sich selbst nach Münchhausens Art aus dem Sumpf zu ziehen? Anders gesagt, müssen sie zu allen möglichen, wenig überzeugenden Hilfserklärungen ihre Zuflucht nehmen, um zu begründen, warum Banken bei dieser Selbsthilfe eben doch versagen, weil sich am Ende zeigt, dass der Staat mit realem Geld einspringen muss, weil das Geld aus dem Nichts offensichtlich doch nicht dazu taugt, die Ansprüche der Gläubiger, z.B. der kleinen Sparer, zufrieden zu stellen.


Hätten Ludwig von Mises und die Monetative mit der Vorstellung Recht, dass die Geschäftsbanken unbesichertes Geld in beliebiger Menge im eigenen Haus produzieren, dann gingen ihnen bei einem Kollaps nicht mehr als Luftbuchungen verloren. Wenn hingegen alles Zeichengeld - die Banknoten ebenso wie das auf ihrer Einzahlung beruhende Giraldgeld - grundsätzlich (ich rede hier nicht von immer möglichen Akten des Betrugs) in abgesicherter Form in den Verkehr gelangt, dann und nur dann, ist auf Anhieb zu begreifen, warum das Rezept Münchhausens zwangsläufig versagen muss und Banken sich im Fall einer Pleite eben nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen vermögen.

Die Geschäftsbank hat ja – je nach Reservevorschriften – einen großen Teil, vielleicht 99% des bei ihr ursprünglich eingezahlten Banknotengelds, das jetzt bei ihr als Giralgeld verzeichnet ist, an die Kunden als Kredit vergeben. Sie tut dies mit gutem Gewissen, weil die Statistik besagt, dass von den ursprünglich 100% der Banknoten in normalen Zeiten eben nur ein einziges Prozent innerhalb einer bestimmten Zeit als Bargeld tatsächlich zurückverlangt wird.

Kommt es nun allerdings zu einem Run auf die Bank, dann wird von einem Tag auf den anderen sehr viel mehr Bargeld als dieses eine Prozent zurückgefordert, nämlich auf einen Schlag die ganzen 100%. Dieses Geld ist aber zu 99% verliehen und deshalb in der Bank nicht vorhanden. Kreditnehmende Unternehmen haben es zu Maschinen, Löhnen etc. gemacht.

Eine widerspruchsfreie Erklärung der monetären Realität

Diese Erklärung der monetären Realität ist einfach und weist keine der Widersprüche und Ungereimtheiten auf, welche sich bei Ludwig von Mises zeigen – und in noch größerem Maßstab bei der auf ihn zurückgreifenden Monetative. Sie zeigt überdies, wie unsinnig die Einführung des so genannten Vollgeldes nach Joseph Huber wäre, das, wie es heißt, die volle Deckung des Giralgelds bezweckt. Damit würde man nämlich das Giralgeld ein zweites Mal besichern.


Aber einmal angenommen, von Mises und die Monetative wären doch im Recht?

Dennoch gibt es genau eine Bedingung – eine notwendige, aber auch hinreichende -, unter der eine durchgängige Geldschöpfung aus dem Nichts tatsächlich denkbar ist. Von Mises bringt sie immer wieder zur Sprache, wenn er darauf besteht, dass die beliebige Vermehrung ungesicherten Zeichengeldes nur möglich wäre in einem System, wo statt einer Vielzahl von Geschäftsbanken nur eine einzige (unterhalb der Notenbank existiert). Der Grund für diese Einschränkung ist darin zu suchen, dass die Geschäftsbanken sich sonst mit dem Vorteil der Geldschöpfung aus dem Nichts gegenseitig Konkurrenz machen würden. Da sie am Ende des Tages ihre gegenseitigen Verrechnungen in realem Geld vornehmen müssen, wären alle anderen schwer geschädigt, wenn einzelne von ihnen, sich eines solchen Manövers bedienen.

Deswegen besteht von Mises – im Unterschied zur Monetative – ausdrücklich darauf, dass eine beliebige Vermehrung von unbesicherten Zeichengeld nur möglich sei, wenn nicht mehr als eine einzige Geschäftsbank den gesamten Geldverkehr mit dem Publikum übernimmt (436, 441, 460). In diesem Fall würde ja alle Konkurrenz entfallen. Eine Geschäftsbank mit Monopol könnte also tatsächlich – sofern sie keine staatliche Aufsicht daran hindert – ungedecktes Giralgeld in beliebiger Menge als Kredit vergeben.

Die ganze Diskussion um die Folgen einer vermeintlichen Geldschöpfung aus dem Nichts wird nur ehrlich, wenn man sie unter dieser Bedingung betrachtet, denn nur dann lässt sich in theoretisch reiner Form zeigen, welche Folgen von einer solchen Revolution für das Banksystem zu erwarten wären.

Über diese Folgen besteht kein Zweifel

Wenn eine Geschäftsbank mit Monopolstellung Geld wirklich aus dem Nichts schöpfen würde – wie die Theoretiker der Monetative das für das aktuell bestehende System behaupten - dann treten sogleich verheerende Wirkungen zu Tage. Geschäftsbanken, welche real besichertes Geld vergeben, müssen peinlich genau darauf achten, dieses Geld zur Zeit seiner Fälligkeit mit gleichem Realwert zurückzuerhalten, und zwar zumindest um jenen Betrag vermehrt, der ihren eigenen Kosten für die Kreditvermittlung entspricht. Eine ihrer wesentlichen Aufgaben besteht mithin darin, sorgfältig auf die Bonität ihrer Kreditnehmer zu achten. Um nur ja keine Verluste zu erleiden, verlangen sie von diesen in der Regel noch eine Sicherheit, ein Pfand (Immobilien etc.), womit sie im Fall einer Zahlungsunfähigkeit des Schuldners den oder die Gläubiger zufrieden stellen.

Die einzig übrige, außer Konkurrenz befindliche Geschäftsbank, die wir jetzt betrachten, befindet sich hingegen in einer grundsätzlich anderen Situation. Da sie jede Menge Geld, im Prinzip unendlich viel davon, aus dem Nichts zu erzeugen vermag, kann sie sich die Mühe der Bonitätsprüfung ersparen und nach dem Prinzip der Lotterie vorgehen. Ist der Schuldner zahlungsfähig, so gewinnt sie ja alle Mal; ist er es nicht, dann erleidet sie zumindest keinen Verlust, aber kann auf jeden Fall die bei der Kreditaufnahme verlangte Sicherheit (z.B. Immobilien) übernehmen. Mit anderen Worten, diese einzig übrige Geschäftsbank wird wie ein Moloch wachsen und wachsen, während sie ihre selbsterzeugten Kredite hemmungslos um sich wirft.

Und nicht nur das. Da die Rückzahlung der Kredite für sie gar nicht wichtig ist (die Bereicherung durch die gewährten Sicherheiten verschafft ihr ja schon Vorteile genug) und sie ihre Kunden deshalb auch nicht mehr nach ihrer Bonität aussuchen muss, wird eine wachsende Zahl von Krediten niemals zurückgezahlt werden. Was das heißt, liegt auf der Hand: Die Volkswirtschaft von ihr mit Kreditgeld geradezu überschwemmt: eine ungeheure, durch nichts zu beschränkende Inflation wäre das unvermeidliche Ende (vorausgesetzt natürlich, dass die Kunden zu immer weiterer Verschuldung bereit sind).

Das gegenwärtige Geldsystem weist schwere Mängel auf

Dieser knappe Blick auf die Auswirkungen einer Geldschöpfung aus dem Nichts, wenn sie denn tatsächlich existierte, sollte als Nachweis genügen, dass es sie in der Wirklichkeit bisher glücklicherweise nicht gibt (oder doch nur in Form ausnahmsweisen Betruges).


Mit diesen Bemerkungen über von Mises und die Monetative verfolge ich allerdings durchaus nicht den Zweck, irgendeines der schwer wiegenden Übel des gegenwärtigen Finanzsystems zu leugnen, all jener Übel, die zu der heutigen Krise führten und bewirken, dass unser Bankensystem eben längst nicht mehr intakt ist. Mein Vorhaben diente einzig und allein dem Nachweis, dass die sogenannte Geldschöpfung aus dem Nichts jedenfalls keine Schuld an diesen Übeln trägt und die Monetative, die ihr Ziel darin erblickt, diesen angeblich fundamentalen Fehler unseres Geldsystems durch ein so genanntes Vollgeld zu beheben, damit nicht nur keinen Nutzen stiften, sondern im Gegenteil zusätzlichen Schaden anrichten würde.

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