Freitag, 3. Februar 2017

Geldschöpfung aus dem Nichts – Realität oder Chimäre?


Von der Geldschöpfung aus dem Nichts, wie sie angeblich die Notenbanken betreiben, war schon die Rede. Jetzt geht es um die Geschäftsbanken.

Grundsätzlich sind Geschäftsbanken in der Lage, auf dem Wege der so genannten Bilanzverlängerung Kredit aus dem Nichts zu schöpfen, bei entsprechender Nachfrage vonseiten der Kreditnehmer wäre ihnen dies sogar in unbegrenztem Ausmaße möglich. Die Frage ist nur, ob sie es tun, genauer gesagt, ob es sich für sie lohnt, das zu tun.


Wer diese Frage entscheiden will, muss zwei Situationen deutlich trennen und sie gegeneinander abgrenzen. Erstens, den Fall eines intensiven Wettbewerbs zwischen Geschäftsbanken A bis Z und, zweitens, den Fall einer monopolistischen Geschäftsbank A, die als einzige unterhalb der Notenbank übrig bleibt.


Eine monopolistische Geschäftsbank schöpft Kredit aus dem Nichts

Im Falle der monopolistischen Geschäftsbank darf davon ausgegangen werden, dass der Zins für Einlagen, d. h. für das Bargeld, dass die Sparer auf ein Sparkonto legen, gleich Null sein wird. Die Bank ist auf die Einlagen von Sparern ja nicht länger angewiesen, weil sie das selbst kreierte Geld billiger kommt als eine Spareinlage, für die sie dem Sparer im Regelfall einen Minimalzins zahlen muss. Eine monopolistische Bank wird also schnell dazu übergehen, auf Spareinlagen überhaupt zu verzichten und alles Kreditgeld aus dem Nichts zu schöpfen.

In diesem Fall, aber auch nur in diesem, sind jene im Recht, welche in der Buchgeldschöpfung aus dem Nichts ein gewaltiges Problem erblicken.


Geschäftsbanken im perfekten Wettbewerb

Wie verhält es sich aber mit einem System des perfekten Wettbewerbs zwischen den Geschäftsbanken A bis Z?

Auch in diesem Fall steht es jeder Bank offen, Kreditgeld durch Bilanzverlängerung aus dem Nichts zu schöpfen. Sie muss aber damit rechnen, dass der Kreditnehmer den ihm gut geschriebenen Girobetrag dazu verwendet, um Güter oder Leistungen bei einem Kunden zu erwerben, der ein Konto bei der Bank Z unterhält und den von der Bank A nach Z überwiesenen Betrag dann in bar behebt. Das zwingt die Bank A zu einem Saldoausgleich mit der Bank Z, den sie in Notenbankgeld begleichen muss. Anders gesagt, muss die Bank A, wenn sie Geld aus dem Nichts schöpft, den entsprechenden Betrag in Notenbankgeld an andere Banken entrichten.


Dieses Notenbankgeld hat sie aber nicht

da sie ja Buchgeld aus dem Nichts geschöpft hatte und den Betrag eben nicht in bar von einem Sparer erhielt. Die Bank ist daher gezwungen, sich den Betrag zu leihen und für die Entleihung natürlich Zins zu entrichten.

Drei verschiedene Zinssätze kommen bei einer solchen Entleihung in Frage. Der Spargeldzins, den sie an Sparer entrichtet, der Interbankenzins, falls sie sich das Geld von einer anderen Bank entleiht, oder der Zins, den sie an die Notenbank zu entrichten hätte, wenn sie das Geld aus dieser Quelle bezieht. Es leuchtet ein, warum der Interbankenzins immer über dem Sparzins liegt und der Notenbankzins seinerseits fast immer über dem Interbankenzins (außer Kraft gesetzt wird diese Regel nur in den seltenen Fällen, wo gegenseitiges Misstrauen zwischen den Banken so groß ist, dass es den Interbankengeldmarkt austrocknet).


Der Zins für Spareinlagen ist immer der billigste, deswegen sind die Geschäftsbanken so auf das Geld der Sparer versessen

Da der Interbanken- bzw. der an die Notenbank zu zahlende Zins für das von Bank A benötigte Banknotengeld also fast immer höher liegt als der Zins, den die Bank für eine in bar gezahlte Spareinlage entrichtet, kommt sie ein Kredit, der auf einer Geldschöpfung aus dem Nichts beruht, zwangsläufig teurer als ein Kredit, der aufgrund einer Spareinlage zustande kommt.
Diese im Vergleich zum Sparzins höhere Last muss die Bank A aber an den Kreditnehmer weiterreichen.

Zwangsläufig hat dieses Vorgehen zur Folge, dass sie im Wettbewerb mit anderen Banken, die keine Geldschöpfung aus dem Nichts betreiben, an Konkurrenzfähigkeit einbüßt.


Im perfekten Wettbewerb ist die Geldschöpfung aus dem Nichts für Geschäftsbanken viel zu teuer

Hier und nur hier ist der Grund dafür zu suchen, dass die Geschäftsbanken in einem System funktionierenden Wettbewerbs de facto keine Geldschöpfung aus dem Nichts betreiben, obwohl sie dazu durchaus in der Lage wären. Ökonomisch betrachtet, macht es für sie schlicht keinen Sinn, von einem System der Kreditvergabe aufgrund von Spareinlagen zu einem solchen der Kreditvergabe aufgrund von Geldschöpfung aus dem Nichts überzugehen.
Geradezu als Indikator für einen funktionierenden Wettbewerb muss es dabei gelten, wenn nur geringe Geldmengen im täglichen Saldenausgleich zwischen den Banken verschoben werden – eben weil der Ausgleich für geliehenes Geld so teuer ist.

Im übrigen wird nach dem Gesagten auch verständlich, warum Banken bei einem Übermaß an faulen Krediten Bankrott gehen können, ohne dass sie eine Geldschöpfung aus dem Nichts davor retten könnte.


Welches System herrscht in Deutschland: ein Monopol oder der Wettbewerb?

Die Frage, ob das gegenwärtige Geschäftsbankensystem eher auf Wettbewerb gründet, ob also die Geldschöpfung aus dem Nichts praktisch kaum eine Rolle spielt, oder ob es eher zur Alternative eins tendiert, d.h. sich bereits in Richtung eines Kartells oder gar Monopols entwickelt, wo Geldschöpfung aufgrund fehlender Konkurrenz eine realistische Möglichkeit wäre, lässt sich nicht theoretisch, sondern nur auf empirischem Weg entscheiden, und zwar durch den Vergleich des gesamten Sparvolumens mit dem gesamten Kreditvolumen. Die empirischen Untersuchungen sind Helmut Creutz zu danken und lassen keinen Zweifel zu:

„Die Geldersparnisse gehen aber nicht nur den Krediten voraus, sondern sie liegen auch durchweg über den Krediten… Zieht man dafür die Gesamtbilanzen heran, die regelmäßig im statistischen Teil der Monatsberichte der Deutschen Bundesbank auf den Seiten 20 bis 23 veröffentlicht werden, dann ergeben sich dort für Ende 2002 folgende Größen:

Kredite an Nichtbanken u.a. Aktiva: 4258 Mrd. Euro
Einlagen von Nichtbanken u.a. Passiva: 5003 Mrd. Euro

Dadurch entsteht also ein Einlagenüberschuss von 745 Mrd. Euro bzw. rund 15 Prozent, was längerfristig betrachtet etwa der Obergrenze dieser Überschüsse entspricht (H. Creutz, Die 29 Irrtümer rund ums Geld, München 2004).

Mit anderen Worten, beruhte das deutsche Geschäftsbankensystem im Jahr 2002 auf einem funktionierendem Wettbewerb, ebenso im Jahr 2008 (siehe Creutz, Das Geldsyndrom 2012: 205).


Vollgeld: auf eine Illusion gebaut

Das Problem der Geldschöpfung aus dem Nichts ist damit definitiv gelöst. Jahre lang konnte man so unsinnige Sätze lesen, wie dass es eine Irrlehre sei, Kredite würden auf Spareinlagen beruhen, in Wahrheit würden Geschäftsbanken alle oder doch 95% aller Kredite aus dem Nichts erzeugen.

Die Wahrheit wurde in ihr Gegenteil verdreht, denn eine solche Geldschöpfung ist nur in einem einzigen, theoretisch konstruierten Extremfall real, der bisher nirgendwo verwirklicht wurde und hoffentlich auch nie eintreten wird: in einem System, wo die Kreditversorgung innerhalb eines Währungsraums zum Monopol einer einzigen Geschäftsbank wird oder ein striktes Kartell die gleiche Wirkung erzielt. In diesem, und nur in diesem, Fall würde die Geldschöpfung aus dem Nichts die Spareinlagen vollständig verdrängen.

Hingegen ist eine Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken in einem System funktionierenden Wettbewerbs ausgeschlossen. Theorien wie „100% Money“ oder die sogenannte „Monetative“, welche dies dennoch behaupten, sagen schlicht und einfach die Unwahrheit. Das trifft auf das Gedankengebäude des Herrn Prof. Joseph Huber zu, dessen Geltung eben auf dieser Geldschöpfung aus dem Nichts beruht. Unser heutiges, vermeintlich zu mehr als 95% aus dem Nichts geschöpftes Buchgeld soll demnach durch ein Vollgeld abgelöst werden.

Das herrschende Geldsystem würde gewiss viele dringende Reformen benötigen, was es hingegen gar nicht braucht, ist eine Reform, die auf Denkfehlern beruht.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen